Kidnapping

Ich weiß noch, wie Dara und ich davon überzeugt waren, dass auf unserem Dachboden jemand wohnt. Nachts knarzt und knackt das Holz in unserem Haus, doch als Kind geht die Fantasie manchmal eben durch. Früher war ich sicher, die langen Schatten, die die Möbel in die Flure warfen, würden nach mir greifen, wenn alle in ihren Zimmern waren und nur ich durch das Haus schlich. Unser Eltern bemühten sich, uns die Ängste zu nehmen. Verstecken spielen im Dunkeln, Nachtwanderungen, kleine Lichter in den Fluren.
Heute laufe ich gerne nachts durch das Haus. Ich kann auch im Halbdunkel auf meinem Bett sitzen und meine Beine baumeln lassen, ohne dass mich Ungeheuer an den Knöcheln packen und unter das Bett ziehen. Geister können mich nicht mehr aus dem Treppenhaus in den Keller ziehen oder Riesen die Glastür einschlagen und mich entführen.
Im Sommer könnte ich glatt ohne Decke schlafen – aber wie wäre ich so jemals vor Monstern, Gespenstern oder Einbrechern sicher? Die Decke ist wie ein Tarnumhang. Maximale Sicherheit hat man mit dem Kopf unter der Decke. Da wird die Luft allerdings etwas knapp. Doch die Entscheidung zwischen Kidnapping und Atemnot ist relativ leicht.
Dara und ich hatten uns mit sechs und acht Jahren Tage lang nicht nach oben getraut, weil meine Mutter einmal vergessen hatte, die Dachbodentür zu schließen. Dass der Fremde, der in unserem Dachboden hauste, nun entflohen war und sich in unserem Haus versteckte, war klar. Alle Schatten waren Kindsentführer und nur eine Wand aus Stofftieren schützte uns nachts. Die großen Lichter verbannten die Dunkelheit und die Tür unserer Eltern blieb offen für den Fall, dass man einen Sprint über den Flur einlegen musste.

Kupfergeld

“Entschuldig?” Der Mann tippt mir auf die Schulter. Ich reiße die Kopfhörer aus den Ohren und rutsche ein Stück zur Seite. “Ticket. Könnten Sie Ticket ziehen?” Er hält mir eine Menge Kleingeld unter die Nase. Ich schaue ihn an, dann seine Hand. Drei Euro und reichlich Kupfermünzen. Er deutet auf zwei Koffer, die vor dem Automaten stehen, und zieht die Augenbrauen fragend in die Höhe. “Klar”, sage ich und stehe auf. In der Bahn zu laufen ist ein regelrechter Parcours. “Wo wollen Sie denn hin?” Ich tippe auf den Touchscreen. “Bahnhof, Haupt.” Er stellt sich neugierig neben mich und hält mir wieder die Münzen hin. Der Touchscreen ist aus einem anderen Jahrzehnt, ich muss sieben Mal auf Weitere Tickets klicken, bis er überhaupt reagiert. “Hier, bezahlen? Wie viel Geld?” Der Mann streckt mir den Arm noch weiter hin. “Drei achtzig.” Ich picke mir die Geldstücke von seiner Handfläche und werfe sie ein. “Dank”, sagt er zufrieden als er das Ticket nimmt. “Zurück zu Familie. Mit Zug. Italien. Dank.” Ich nicke ihm zu und gehe zurück zu meinem Platz. Er steht neben seinen Koffern und betrachtet eine ganze Weile glücklich sein Ticket.

Hey Kids

Neben mir steht ein Pärchen und macht Schluss. Ich bin viel zu früh zur Pressekonferenz, deshalb sitze ich auf einer Mauer in einem Park. Vorhin bin ich an dem Typ vorbeigelaufen, der auf der Mauer saß und zwei Kaffeebecher neben sich stehen hatte. Jetzt steht seine Freundin vor ihm und schimpft. Sie gestikuliert wild, dann verschränkt sie die Arme und schaut ihn trotzig an während er spricht. Ich höre nicht, was sie sagen. Aber die Musik passt zu der Situation.

{ …. }

Ich war auf der Pressekonferenz. Sehr unterhaltsam.
Jetzt sitze ich am Gleis und warte auf meine Bahn. Eine andere Linie hält und öffnet die Türen. Ein Mann, der den Rücken zu mir gekehrt hat, steigt rückwärts aus und zieht einen Kindewagen hinter sich her. Er geht zurück und weiter zurück. Und weiter rückwärts und noch ein Stück – viel weiter als nötig, denke ich. Da dreht er sich um: Der Kinderwagen ist anderthalb Meter lang. Als ich die fünf Kinder in einer Reihe hintereinander unter den kleinen Sonnenschirmen sitzen sehe, kann ich mir das Lachen nicht verkneifen. Der Mann lacht in die Runde und schiebt den Wagen weiter, als sei es das Normalste der Welt.

First Impressions

Mittlerweile vertreibe ich mir die Zeit als Journalistin. Ich fühle mich wie Carla Columna. Fehlt nur noch die Vespa. Aber ich wusele auch ohne Vespa maximal durch die Gegend.
Ich düse von Pressekonferenz zu Pressekonferenz und verschaffe mir einen Überblick. Mit Block und Kamera bewaffnet. Multitasking Level über 9000. Viel zu große Tasche für viel zu wenig random Utensilien, Kameratasche plus drei Objektive, Block mit Stift. Und nur zwei Hände. Wie soll das bitte klappen, wenn man im Zoo das wild durch das Gehege springende Babyäffchen fotografieren, die Pressemitteilung lesen, mit halbem Ohr dem Zoodirektor zuhören und Notizen machen soll? Prioritäten setzen, ganz einfach. Von den 200 Fotos sind genau zwei etwas geworden und der Zoodirektor hat die Pressemitteilung nur etwas ausgeschmückter wiedergeben. Aber ich konnte trotzdem kompetent Bericht erstatten. Laut der Redaktion in der ich momentan das Praktikum mache.
Und eben weil ich seit März Praktika absolviere, komme ich auch nicht mehr zum regelmäßigen Bloggen.
Es ist aufregend. Ich treffe Menschen. Ich wusele. Ich bekomme deliziöse Snacks auf den Pressekonferenzen. Und ich kann schreiben.
Wen ich schon alles getroffen habe – ein Freund hat sich neulich einen Keks gefreut, als ich erzählt habe, bei wem und wo ich mit auf die PK durfte. Politiker, Fußballer, Fachmessen alles dabei.
Ob ich nun aber die Journalistenkarriere anstrebe? Da bin ich noch nicht so sicher. Andererseits, irgendwann eine eigene Kolumne schreiben? Damit könnte ich mich durchaus anfreunden.

Passt, Dickie?

Möchte man sich an unseren Esstisch setzen, muss man sich zu dem Stuhl hinten links ein bisschen durchquetschen, weil es da echt eng ist.
Da das der Platz von meinem Vater ist, ist er immer derjenige, der den Bauch einziehen muss (und ich sollte erwähnen, dass er eine völlig normale Figur hat, damit hier niemand eingeschnappt ist).
Dara: Na, kommst du durch, Dickie?
Papa: Dickie? Ich glauben du spinnst!
Dara: Wusstest du, dass Dickie bei Loriot nie offiziell definiert war, ob Junge oder Mädchen?
Ich: Ja! Aber es war eigentlich ein Mädchen.
Papa: Kennt ihr die Szene aus ‘Weihnachten bei den Hoppenstedts’ in dem Spielzeugladen wo der Opa gefragt wird, wie alt Dickie denn sei und er die Hand brusthoch hält und sagt ‘So!’?
Ich: Ja! Und wo er gefragt wird, ob Junge oder Mädchen und er sagt ‘Es hat alles was ein Kind braucht! Ein Dach überm Kopf und eine Familie!’
Dara: Oh Mann, was mir zu Dickie einfällt: Bei TKKG heißt einer Klößchen, weil der so dick ist.
Papa: Mutti, kennst du TKKG?
Oma: Tiefkühlkost…?

Rebellen

Auf irgendeine Art ist jeder ein bisschen Rebell.
Im Museum eine Statue trotz “Bitte nicht berühren”-Schild anfassen.
Den Hund frei laufen lassen, obwohl man ihn anleinen sollte.
Auf das Handy lugen, auch wenn Handyverbot in der Küche herrscht (es ist bei uns etwas ausgeartet, man ist der Meinung, die Kinder seien alle handysüchtig und man müsse diesen Konsum unterbinden)
In der Fastenzeit doch etwas Schokolade snacken – in diesem Fall nicht ich, da bleibe ich gut konsequent.
Oder aber mit 32km/h in der 30er Zone brettern. Zitat Dara.

Sie hat nämlich seit Januar den Führerschein und ist – wie jeder Fahranfänger neunmal klug. Okay, also ich konnte mich noch genau eine Woche nach der Theorieprüfung an die Theorie erinnern und habe fleißig zitiert, bis ich einfach alles wieder vergessen habe. Es fährt doch sowieso jeder nach dem Motto “Der Andere hat auch ‘ne Bremse” – wozu werden überhaupt Vorfahrtsregeln gebraucht? Völlig überbewertet.
In ihren Augen rebelliere ich auch ziemlich mit meinen Fahrkünsten.

Dara: Also Dodo, ich habe Angst mit dir zu fahren.
Ich: Bitte?
Dara: Du fährst sehr wild.
Ich: Konkret bitte was?
Dara: Schau, wenn du in den Kreisverkehr fährst, da schaust du gar nicht richtig wer in den Kreisel reinfährt.
Ich: Sicher.
Dara: Ja, aber es wäre besser, wenn du einfach anhälst und dir ein Bild machst.
Ich: Aber wenn ich doch sehe, dass einer rechts von mir oder gegenüber reinfährt, dann kann ich ohne Probleme weiterfahren. So funktioniert das doch reibungslos.
Dara: Ich würde dir Stehenbleiben aber trotzdem empfehlen. Und auf der Autobahn: Du musst nicht so schnell fahren. Das ist eh schlecht fürs Auto – ganz zu schweigen von der Umweltbelastung. Hundertzehn oder -zwanzig reichen. Und Rechtsfahrgebot! Du solltest immer rechts fahren.
Ich: Ach Quatsch – ich dachte, wir hätten hier Linksverkehr.
Dara: Auf der Autobahn!
Ich: Also nicht überholen oder was ist der Vorschlag?
Dara: Nur wenn nötig. Ach ja, und du machst zu selten den Schulterblick. Den solltest du öfter machen.

Und so weiter. Da hatte ich gerade meinen Vater von der Backe, der sich maximal angespannt neben mir in möglichst neutraler Haltung am Haltegriff festgehalten hat, und schon belehrt mich Dara eines Besseren.

Ich sehe schon, ich bin wohl echt am Rebellieren. Was soll bloß aus mir werden.

Aber mittlerweile habe ich auf Dara abgefärbt und sie ist neulich für mich – weil ich schobn 20 Minuten am Bahnhof stand und gewartet habe – “Mit 32 km/h durch der 30er Zone gebrettert”.  Die kleine Rebellin.

Rowdys unterwegs

Dara und ich gehen manchmal so richtig in der Pampa verloren. Das alles natürlich nur Boots zuliebe, damit sie wild rumrennen, Hasen jagen oder nach Maulwürfen graben kann, überhaupt nicht ausgelastet wie immer. Neulich sind Dara und ich also in einem Feld-/Wald-/Sumpfgebiet unterwegs gewesen.
Ich: Dara, wo steht das Auto?
Dara: Mmh, also ich würde jetzt noch was weiter geradeaus und dann irgendwann links. Da bei dem Busch links. Dann geradeaus zurück und irgendwann nochmal was links und danach rechts und da müsste das Auto stehen.
Und weiter ging’s. Über Felder, im Sumpf, durch Büsche – Boots war der glücklichste Hund der Erde – und plötzlich standen wir vor einem unendlich langen Zaun.
Ich: Dari?
Dara: Links! Wir gehen links runter.
Ich: Am Zaun entlang? Ich glaube nicht, dass der Zaun überhaupt endet. Ist das da nicht Industriegebiet?
Dara: Yolo, Hashtag, Yolo!
Ich: Das ist eh die beste Begründung!
Dara: Wie war das? Alle Wege führen nach Rom!
… oder zum Auto.