Pflichtlektüre

Schauermärchen, Mord aus Habgier und Schädel unter Birnbäumen – damit beschäftige ich mich im Moment in meinem Studium. Während ich für Anglistik wie in der Unterstufe Vokabeln pauken und mich gleichzeitig mit advanced learners‘ grammar auseinandersetzen muss, lese ich in diesem Semester für Germanistik eine ganze Menge Bücher. Eigentlich jede Woche ein anderes und hinterher komme ich schon gleich gar nicht mehr. Und dann brauche ich auch ungefähr sieben Mal länger um eine Seite Pflichtlektüre zu lesen als ich für genauso viel Text in normaler Belletristik brauche. Zudem habe ich gerne Musik an und mit dieser konstanten Geräuschkulisse um mich herum sind schnell mal ein paar neue Beats spannender als sich mit Fontane auseinanderzusetzen.
Die Musik läuft dann über Spotify am Laptop, das heißt, der steht auch in unmittelbarer Nähe und das heißt wiederum, dass das Internet und somit alles Verlockende zum Greifen nahe ist: Die vielfältigen Möglichkeiten des Onlineshoppings, die FAZ, YouTube, Netflix, Amazon oder Tumblr. Während ich meine Lieblingsserie New Girl in diesem Jahr bereits zum fünften Mal komplett durchgeschaut habe, schlägt Netflix leider auch immer wieder neue Serien vor, von denen ich dann mindestens ein Drittel der Staffel an einem Tag, vielleicht auch vier Staffeln an einem Wochenende, schauen muss. Aber nicht nur das, Amazon ist von meinem eher zurückhaltenden Onlineshoppingverhalten wenig beeindruckt und ermutigt mich, basierend auf meiner Wunschliste, mir doch mal etwas zu gönnen. Die FAZ überschüttet mich mit Nachrichten, und einmal ins Thema eingelesen, gibt es auch kein Zurück mehr und ich klicke mich durch Artikel und Sekundärquellen und weitere Informationen. Erst seit ein paar Wochen setze ich mich mit Tumblr auseinander, so ganz blicke ich noch nicht dahinter, aber ich verstehe nach und nach wie die Tumblr-Welt funktioniert, glaube ich.
Zum Lesen brauche ich aber auch die richtige Atmosphäre. Dazu zählt zunächst ein aufgeräumtes Zimmer, denn wer mag schon in chaotischer Umgebung lesen. Da lenken doch nicht einsortierte Blätter auf dem Schreibtisch, Socken auf dem Boden und eine traurig hängende Pflanze viel zu sehr ab. Also muss das Minichaos erstmal beseitigt werden. Fällt dann auch noch die Sonne in einem ungünstigen Winkel durch die Fenster, frage ich mich, wann die Scheiben eigentlich das letzte Mal geputzt wurden – und wie der Spiegel, der die Sonne in eine Zimmerecke reflektiert, schon wieder so schnell einstauben konnte. Außerdem, wer legt sich überhaupt einen Glasschreibtisch zu, der nach ein paar Tagen mit Fingerabdrücken übersät ist?
In der Küche hole ich also das Putzzeug, auf dem Weg dahin lege ich aber erst einen Stop in L.s Zimmer ein um Gossip auszutauschen und danach in A.s Zimmer um nach seinem Tag zu fragen. Bin ich danach endlich in der Küche angekommen, miaut Hummel rum und ich gebe ihm ein Leckerchen, das er mir vor Aufregung aus der Hand schlägt, und dann im nächsten Moment quer durch den Raum jagt und sich am Kratzbaum festkrallt. Unterwegs zurück zu meinem Zimmer habe ich Lust auf einen Tee und ein bisschen Obst wäre auch keine schlechte Idee, schnell ist Wasser aufgesetzt und ein Snack geschnippelt.
Als ich schließlich nach vierzig Minuten mit Aufräumen und Putzen fertig bin, ist mein Tee fast schon kalt und eigentlich könnte ich meine Obstschüssel auch direkt abspülen, wäre da nicht so viel Geschirr im Spülbecken. Das ist aber auch schnell gemacht und zehn Minuten später kann ich mich in mein Bett kuscheln und in die Lektüre einlesen. Da geht das Licht im Nachbarhaus an und die gruselige Nachbarin, die wir Hexe nennen, stellt sich ans Fenster und schaut raus oder in mein Zimmer. Also stehe ich auf und hoffe, dass sie mich nicht sieht während ich ans Fenster laufe um meine Rollläden runterzulassen. Kurz erschrecke ich mich als eine Taube durch die Wohnung der Hexe flattert und sich neben sie auf die Fensterbank hockt. Wie die Taube und die schwarze Katze der Hexe überhaupt zusammenleben können, hat sich uns noch nicht erschlossen.
Sobald die Rollläden unten sind, fühle ich mich weniger beobachtet und kann mein gemütliches Licht einschalten. Mein Handy lege ich sicherheitshalber außer Reichweite, damit ich nicht auf die Idee komme, Nachrichten zu beantworten oder zu telefonieren.
Jetzt beginne ich endlich zu lesen, dann kommt der erste Dialog im Dialekt und ich bin wirklich keine Dialekt-Person, ich verstehe grundsätzlich keinen Dialekt und geschrieben genauso wenig wie laut ausgesprochen. So ist das Verständnis der Novelle für mich leider etwas lückenhaft und nach siebzehn Seiten stelle ich fest, dass ich schon eine ganze Weile an meine Wand geschaut und mich gefragt habe, ob ich noch mehr Fotos aufhängen sollte. Dann ziehe ich meinen Laptop zu mir und klicke mich auf Tumblr durch Bilder von Wolken, Katzen, Blumen und Zitate großer Autoren.

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