Karlsson

Das Klirren von zerspringendem Glas ließ mich aus dem Schlaf hochfahren. Kurz darauf ein unterdrücktes Wimmern aus der Küche. Mit einem Ruck schlug ich die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Ich hielt einen Moment an der Kommode inne bis der Schwindel verschwunden war.
In der Küche saß Mattis auf dem Boden und lutschte am Daumen. Er schaute mich mit großen, traurigen Augen an.
„Ich wollte Frühstück machen“, nuschelte er und deutete auf die Theke wo eine Tüte Milch und das Müsli standen. Vor die Theke war Mattis‘ Kinderstuhl geschoben, auf dem Boden lag eine zerbrochene Glasschale. Er streckte die Arme nach mir aus, behutsam nahm ich ihn hoch. Als Mattis seinen Kopf gegen meine Schulter drückte, begann er wieder leise zu weinen.
„Wir brauchen heute Morgen sowieso nur zwei Schüsseln, Philip ist schon im Krankenhaus arbeiten.“ Ich schaukelte ihn sanft hin und her, bis er nicht mehr von Schluchzern geschüttelt wurde. „Schau mal, Steppke, magst du dir deine Hausschuhe anziehen gehen während ich die Scherben aufkehre? Dann machen wir gleich zusammen das Frühstück fertig, in Ordnung?“ Mattis nickte und ich ließ ihn runter. Langsam tappte er in den Flur. Mit dem Besen kehrte ich die Scherben auf einen Haufen. Als Mattis zurück in die Küche kam, schob ich ihm den Kinderstuhl zurück an den Esstisch.
„Setz dich kurz noch da hin, du kannst dir das Radio anmachen. Der rote Knopf, weißt du noch?“ Einen Augenblick später wippte Mattis im Takt zu einem Lied aus den Achtzigern. Ich stellte zwei Schüsseln auf die Theke und fragte ihn, ob er die Milch einschenken wollte. Er quietschte begeistert und drückte seinen Stuhl von der Tischplatte weg. Ich hielt ihm die Milchtüte hin und hob ihn hoch, damit er die Theke erreichen konnte.
Angewidert rümpfte Mattis die Nase. „Ihh, das stinkt!“, rief er. Dann nahm auch ich den säuerlichen Geruch der Milch wahr. „Okay, Steppke, hast du großen Hunger?“ Mattis hielt sich die Hand auf den Bauch und nickte.
„Bärenhunger, Mama.“
„Weißt du was, dann holen wir uns jetzt frische Croissants und essen dazu Marmelade und Honig. Was hälst du davon?“ Aufgeregt klatschte er in die Hände und nickte heftig. „Gut, dann ziehen wir uns schnell an und gehen zum Bäcker.“

Das Thermometer zeigte bereits angenehme 15 Grad für Anfang April, trotzdem setzte ich Mattis eine Mütze auf. „Magst du das Stück laufen oder brauchen wir doch den Buggy?“
Mattis atmete tief ein und stellte sich aufrechter hin. „Ich schaffe das so, ich bin doch schon drei.“
Bevor ich die Tür hinter mir zuzog, vergewisserte ich mich, dass alle Fenster geschlossen waren. Dann nahm ich Mattis an die Hand und wir gingen zum Gartentor. Nebenan mähte unser Nachbar den Rasen, grüßte uns aber freundlich. „Wir müssen nachher an die Post denken, Mattis.“ Ich deutete auf das rote Fähnchen am Briefkasten.

Die Schlange vorm Bäcker war lang. Wir stellten uns noch vor der Tür an, Mattis summte das Lied aus dem Radio. Ein junger Mann stellte sich hinter uns an, ich lächelte ihm zu.
„Entschuldigen Sie“, er räusperte sich. „Sind Sie nicht Maja Bernstein?“
Grüne Augen, Dreitagebart, braunes Haar, eine graue Strähne über der Schläfe. Die graue Strähne erinnerte mich an einen der Besucher im Krankenhaus. Ich nickte. „Ja, das ist richtig. Und Sie sind?“
„Karlsson. Jonas Karlsson. Meine Frau lag auf Ihrer Station.“
Finja Karlsson, Knochenkrebs, Endstadium. „Mein herzliches Beileid, Herr Karlsson. Es tut mir so unendlich leid. Wie geht es Ihnen? Kommen Sie damit klar?“
Er schluckte, räusperte sich. „Ich -“ Seine Stimme brach ab, Tränen traten in seine Augen.
„Der Nächste bitte!“, rief die Verkäuferin aus dem Laden, ich hielt ihm die Tür auf und bestellte die Croissants. Ich gab Mattis die Tüte in die Hand und wir traten ins Freie. Als Jonas Karlsson zurück zu uns kam, hatte er sich wieder gefasst.
„Es ist so ungewohnt wach zu werden und alleine im Bett zu liegen. Meine Tochter, sie ist so alt wie Ihr Sohn.“ Er nickte in Mattis‘ Richtung, der auf den Steinplatten herumhüpfte. „Sie fragt immer, ob sie nicht doch wieder heim kommt. Es bricht mir das Herz, ich kann es nicht ertragen. Sie fehlt mir so.“ Seine Stimme brach wieder ab, er drückte Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand auf die Augen. „Bitte entschuldigen Sie mich“, er atmete tief ein und schaute mich wieder klar an. „Meine Schwiegermutter ist daheim und passt auf die Kleine auf, sie warten auf Frühstück.“ Bevor ich mich verabschieden konnte, hatte er sich bereits umgedreht und verschwand gerade um die Ecke.
Das hübsche, blasse Gesicht von Finja Karlsson blitze vor meinem inneren Auge auf. Es war Philip, der ihren Angehörigen die Nachricht überbracht hatte. Ich erinnerte mich, wie ich aus dem Nebenzimmer die Vorwürfe, die Verzweiflung von Jonas Karlssons Toben hörte, während ich einen Patienten bettete. Später traf ich Philip im Ärztezimmer, ich küsste ihn auf die Wange. „Er hat eine Tochter, so alt wie Mattis. Ein Wunschkind, beim letzten Versuch hat es geklappt. Dann ein halbes Jahr später die Diagnose“, hatte Philip mit belegter Stimme geflüstert. „Uns geht es so gut, ich bin jeden Tag dankbar dafür.“

Auf halber Strecke zog Mattis an meiner Hand. „Mama“, flüsterte er. „Der Mann da!“ Bevor er sich umdrehen und mit dem Finger auf Passanten zeigen konnte, nahm ich ihn hoch und hielt seine Hände fest. „Mattis, man zeigt nicht auf fremde Leute, das ist unhöflich.“ Er senkte den Blick und nickte. Als wir am Gartentor ankamen, erinnerte er mich an die Briefe. Ich ließ ihn den Briefkasten öffnen und die Post herausnehmen. Mattis drückte die Briefe und die Tüte mit den Croissants fest an die Brust als ich die Tür aufschloss. Gerade als die Tür ins Schloss fiel, klingelte es. „Ich will aufmachen!“, rief Mattis. Ich hatte ihn noch auf dem Arm und ging zurück zur Tür. Ich nahm ihm die Briefe und die Croissants ab, damit er öffnen konnte. Überrascht schaute ich in Jonas Karlsson schmerzverzerrtes Gesicht. Etwas schlug in meine Brust, ich taumelte nach hinten, ließ die Briefe fallen, Mattis schrie schrill auf.
„Er soll wissen, wie es sich anfühlt“, sagte er gepresst während bunte Flecken auf ihm tanzten. Ich presste Mattis fest an mich, er schrie noch lauter. Dann ging ich zu Boden und die Welt wurde schwarz.

Babylonische Sprachverwirrung

“Sag mal, was sprechen die da für eine Sprache?”
“Doreen, das ist Dialekt.”

Ich muss zugeben, mit Dialekt komme ich einfach nicht klar. Entweder finde ich für Ausdrücke keine logische Übersetzung oder ich verstehe schon rein akustisch nichts. Da kommt dann nur ein Singsang bei mir an, den ich nicht in einzelne Worte zerlegen kann.
Früher waren meine Schwester und ich uns einig, dass München in einem anderen Land liegt: “Servus meine Liabn, wia gäd’s eich? Hattet ihr a guade Reise? Hobts ihr Hunga? Es gibt Wiana Würstl mid Kartofflsalod, mögts ihr des?” Mittlerweile verstehe ich meine Oma zwar, vielleicht redet sie aber auch einfach mehr Hochdeutsch, wenn ich zu Besuch bin. Bei manchen Verwandten ist das allerdings immer noch eine Challenge, auf Anhieb zu verstehen, was sie gesagt – und hoffentlich nicht gefragt – haben.

Nun wohne ich hier, wo wirklich viel Dialekt geredet wird. Die meisten Kommilitonen und Freunde bemühen sich zwar, mit mir auf Hochdeutsch zu reden, aber manchmal komme ich beim Gespräch nicht mehr mit und frage mich, wann denn das Thema gewechselt wurde. Irgendwann versuche ich nur noch irgendeinen Faden zu finden, doch so einfach ist das gar nicht. Man sieht es mir leider an, wenn ich nicht mehr verstehe worum es geht. Dann wird erst gelacht, weil ich wohl so hilflos schaue, und nachher übersetzt.

Am Anfang ist mir das im Brauhaus auch immer so schwer gefallen herauszufinden, was man von mir wollte.
“Können Sie mich mal abziehen?”
Und nur weil er mir einen Fünfziger unter die Nase hielt, konnte ich mir denken, dass er bezahlen wollte. Später hatte ich dann eine Kollegin gefragt, ob ich denn richtig gelegen hatte und sie musste bloß sehr lachen.

“Ich weiß gar nicht welchen Kurs ich holen soll.” Das hat mich am Anfang sehr irritiert. “Soll ich dich mitholen?” Für mich war das eine Wortverbindung, die keinen Sinn ergeben hat. C. muss immer lachen, wenn ich ihr davon erzähle, was mich alles so wundert. Wenigstens bin ich nicht die einzige, die von weiter her kommt und nicht direkt alles versteht. Meine andere Freundin C. meinte auch neulich zu mir: “Ich muss manchmal echt dreimal nachfragen und habe immer noch nicht alles verstanden, dann nicke ich und hoffe, dass es keine Frage war.” Auf der anderen Seite aber kommt hin und wieder ein Wort Dialekt selbst in meinem Sprachgebraucht vor: “Ei jo, der A. hat uns mit dem Auto mitgeholt, sau gut.” Da kriegt P. immer zu viel und schreibt zurück: Du kriegst den Dialekt, hör auf damit! Und ich bemühe mich, eine Weile auf ihn zu hören.

Es ist einfach grundsätzlich so mit dem Dialekt und mir, dass ich es nicht schlussfolgern kann, was gemeint ist. L. redet von “Viertel acht” und meint viertel nach sieben. Mit der badischen Vesper konnte ich auch eine Zeit lang nichts anfangen. Und “Kannst du mal die Tür heben” finde ich nach wie vor unlogisch.

So langsam wird es aber mit dem Dialekt und mir. Zum Glück ist es für die meisten kein Problem und sie müssen nur ein bisschen lachen bevor sie Halbhochdeutsch reden.

Hier, Kind, Gewürze!

Ich muss eigentlich nur mit dem Finger schnipsen und ich bekomme, was ich brauche. Zumindest bei lebensnotwendigen Sachen für die WG oder Büchern für die Uni.
Mit Salz und Pfeffer komme zumindest ich nicht immer aus – wenn ich denn mal koche. Obwohl ich sagen muss, dass sich L. und ich schon bemühen, ausgewogen zu essen seit wir wieder hier sind. Vor den Semesterferien habe ich eben meiner Mama erzählt, dass mir Zimt fehlt. Warum ich diesen random Fact überhaupt geteilt habe, frage ich mich ehrlich, aber noch mehr, warum ich nicht einfach in den Rewe gehüpft bin und mir welchen gekauft habe. Jedenfalls habe ich dann überlegt, was uns eigentlich noch so fehlt und da sind wir auf eine ganze Reihe Gewürze gekommen, die man hin und wieder mal brauchen könnte.
Da ich jetzt in den Ferien so ungefähr den gesamten Inhalt meines Kleiderschrankes dabei hatte, war weder in meinem Koffer noch in dem Rucksack auch nur ein Kubikzentimeter Platz für meine Jacken und Schuhe und Gewürze und Gewürzmischungen und Spannbettlaken und Osterschokolade. Es war wie ein kleiner zweiter Umzug, ich weiß auch nicht wo das ganze Zeug plötzlich herkam, aber es war da und eben kein Platz. Lösung: Ein Paket. Aber nur eins, man möchte ja Kosten sparen. Der Karton war zu klein, also hat meine Mama ein bisschen Tetris gespielt und irgendwelche Falttechniken angewandt, dass am Ende doch alles reingepasst hat.
Heute war dann wohl ein völlig genervter Paketbote bei uns, der mal wieder keinen von vormittags angetroffen hat, und anstatt das Paket wie sonst beim Nachbarn abzugeben, hat er es in die nächste Poststelle verfrachtet.
Was ich vergessen habe: Abholung erst am nächsten Tag. Wann ich in der Filiale war: heute, 17:59 Uhr. Was der Mann zu mir sagte: “Sie Glückskind!”, weil das Paket 1. doch schon da war und 2. dreizehn Kilo gewogen hat. Bis zu uns nach hause sind es dann vielleicht anderthalb Kilometer, aber ich habe zu L. direkt schon gesagt, dass wir auf den Bus warten, egal wie lange es dauert. Und auch da waren wir Glückskinder, da der genau zwanzig Sekunden nachdem wir keuchend an der Haltestelle ankamen vorfuhr. Dann in den dritten Stock hoch, aber L. hatte plötzlich einen Powerschub und flitzte nach oben, also alles tip top gelaufen.
Da wartete auch schon A. mit dem Essen auf uns. A. wohnt nun seit drei Wochen bei uns in der WG und L. und ich sind seit Samstag wieder da. Aber es ist wirklich toll wieder da zu sein und wir machen auch so viel zusammen, ich mag es richtig. Erstmal der ganze Gossipaustausch, dann das allgemeine Geplaudere, Einkaufen, Kochen, Essen, in der Wohnung rumbasteln und ein paar Folgen New Girl schauen, wenn wir dann zu dritt auf meinem Bett hocken und Tee trinken. Und Hummel halb auf dem Laptop liegt und sich die Pfoten wärmt.

I’m sorry for what I said when I was hungry

Nachts kommt der Hunger. Vor allem, wenn man einen langen Tag und kein Abendessen hatte. Manchmal ist man einfach so beschäftigt, dass man das Essen vergisst oder das Hungergefühl nicht bemerkt. Beispielsweise wenn man in der Stadt unterwegs ist und ein tolles Kleid nach dem anderen anprobiert, Lippenstiftfarben testet oder Ohrringe vergleicht. Oder aber fünf Stunden mit einer Freundin quatscht und drei Kaffee trinkt. Oder vielleicht sieben Folgen Sherlock am Stück schaut. Kann ja mal passieren. Upsi.
Und dann bemerkt man plötzlich wie laut der Magen knurrt. Jetzt einen Döner. Einen Toast schaffe ich auch. Dazu Salat? Joghurt? Mangosorbet. Gegrillte Paprika. Bananenpfannkuchen. Sushi. Chinanudeln. Schokopudding. Da könnte ich alles essen. Und mit alles meine ich wirklich alles. Da habe ich so einen Hunger, dass ich mir sicher bin, alles, worauf ich gerade Appetit habe, auf einmal essen zu können. Ohne Diabetes Typ 26 zu bekommen.
Aber Dara und ich können uns grundsätzlich beide total in Dinge hineinsteigern. Etwa halb zwölf Uhr abends. Dann liegen wir eigentlich schon in unseren Betten und plötzlich kommt eine SMS von Dara: Dodo, ich habe Hunger. Treffen wir uns in der Küche? Dann antworte ich: 27 Sekunden? Chinanudeln? Und wir treffen uns zum Mitternachtssnack. Natürlich haben wir fast nie Chinanudeln da, außer Mama war eben mal beim Asiaten einkaufen. Das ist aber eher die Ausnahme und da stehen Dara und ich dann mit einem Bärenhunger und suchen Essbares. Es kommt wie es kommen muss, nichts im Haus, das in zwei Minuten zubereitet ist. Also gibt es entweder Brot oder Reste vom Mittagessen. Nur haben wir meistens keine Reste mehr da oder es ist eine jener Kreationen, die man nicht isst, wenn auch nur ansatzweise etwas Leckereres im Kühlschrank ist. Sind Dara und ich mal wirklich lange unterwegs, ist das eigentlich immer der Fall.
Neulich war ich mit einer Freundin in der Stadt und Dara hat mich auf dem Rückweg vom Schauspiel mitgenommen. Da fing es an: Dara hatte Hunger. Also sind wir auf der Strecke an möglichst vielen Dönerbuden vorbeigefahren. Die hatten allerdings um kurz nach elf alle zu.
Nächster Gedanke: Die Tankstelle. Nachtschalter.
Vielleicht anderthalb Meter vor der Schiebetür bremste Dara ab und fragte mich, ob ich Öffnungszeiten sehe.
“Nö, die haben zu.”
“Steig aus und guck mal nach.”
“Die haben zu, glaub’s mir.”
Dara fuhr ein Stück zurück und hielt direkt neben dem Nachtschalter. Wie beim Drive-In ließ sie die Scheibe runter, der Typ schaute uns verdutzt an.
“Ja?”
“Hallo, habt ihr noch auf?”
“Nur den Schalter hier.”
“Habt ihr Essen?”
“Was wollt ihr denn?”
“Dodo?”
“Chinanudeln?”
“Nee, das haben wir nicht. Aber Pizza.”
“Dann einmal Pizza bitte.”
Er verschwand kurz im hinteren Teil des Ladens und kam mit einer Thunfischpizza wieder.
“Fünf Euro bitte, danke.”
Das war natürlich die beste Pizza, die wir je gegessen hatten. Und das, obwohl ich eigentlich weder Pizza und noch weniger Thunfisch mag.

Plakatliebe II

Moritz hing halb in dem Sessel im Wohnzimmer und aß Kartoffelchips. Mit seinem Fuß schob er ein altes Paar Socken hin und her. Die Chipstüte war fast leer, als ihm plötzlich ein Gedanke kam: Was wäre, wenn die Menschen nur starben, weil sie etwas Bestimmtes aßen – Kartoffelchips zum Beispiel. Vielleicht waren die Menschen unsterblich und starben an einer Art Langzeit-Lebensmittelvergiftung.
Der Gedanke widerte ihn an. Die Kartoffelchips widerten ihn an. Er warf die Tüte von sich, die übrigen Chips fielen heraus und verteilten sich über den Teppichboden, alte Kleidung und ein paar leere Schokoladenverpackungen. Sein Leben widerte ihn an. Er beschloss, auf der Stelle etwas zu ändern. Der erste Schritt war eine radikale Aufräumaktion. Moritz sprang auf, klopfte sich einige Chipskrümel vom Hemd und eilte in die Küche. Hektisch suchte er nach der Rolle mit den Müllbeuteln. Er verfluchte sich selbst und sein Leben; die Müllbeutel ließen sich einfach nicht finden. Dann mussten eben welche gekauft werden. Sofort war es aus der Wohnungstür und stürmte den Weg entlang zum nächsten Supermarkt.

Gott ist tot? Jane starrte den Aufkleber an der Wand der Bushaltestelle an. Wie konnte Gott tot sein? Er war doch Gott. So etwas Respektloses. Derjenige, der sich das ausgedacht hatte, hatte wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank.
„Nietzsche ist tot“, vernahm sie neben sich.
„Nietzsche? Was ist das denn für ein Name?“
„Alter, hattest du kein Philosophie? Nietzsche hat das gesagt, der Spinner. Aber ich sage: Nietzsche ist tot.“
Natürlich, Nietzsche der Philosoph! Davon hatte sie tatsächlich schon einmal gehört. Sie sollte mal wieder in die Kirche gehen, Gott einen Besuch abstatten. Das tat sie leider viel zu selten. 
Der Bus fuhr vor. Jane ließ die beiden Jungen vor sich einsteigen und wartete auch noch geduldig ab, bis sich eine ältere Dame am Geländer in den Bus hineingezogen hatte.
Hinter ihr hörte sie schnelle Schritte und ein Keuchen. Dann drehte sie sich zu dem jungen Mann um, der um einen Laternenpfahl herumwirbelte, und sie mit großen Augen anschaute. Seine Haare standen wild vom Kopf ab, obwohl er sie mehrmals mit den Händen zu bändigen versuchte. 
„Jane.“
In diesem Moment passierte, was Jane immer passierte, wenn sie überrascht war: Sie starrte den jungen Mann an und ihr Gehirn setzte aus, jeder Denkprozess war lahmgelegt. Potato, Potato, dingdong, Tomato. 
„Der Bus?“ Er deutete auf den Busfahrer, der die beiden fragend anschaute. Jane schüttelte irritiert den Kopf. Der Busfahrer schnalzte ungeduldig mit der Zunge und schloss die Türen. Erst das Zischen des anfahrenden Busses löste Jane aus ihrer Trance. „Oh.“ Sie senkte den Blick, dann schaute sie ihn wieder an. Grüne Augen, wirres Haar, schiefes Lächeln, blaues Karohemd. „Hey Typ“, sagte sie lächelnd. Moritz schnipste mit den Fingern. „Ich dachte schon, du erkennst mich nicht mehr. Wie geht es deinem Kopf?“
„Gut! Und was die Beule angeht –“, sie deutete auf ihre Stirn. „Was ein bisschen Concealer nicht alles verdecken kann. Also ‚ein bisschen‘ ist gut, da sind wirklich Unmengen drauf, meine Stirn ist wirklich noch gelb-grün-lila.“ 
„Hey, was machst du jetzt?“
„Jetzt gerade?“
„Nein, jetzt wie gleich.“
„Ich war gerade auf dem Heimweg von der Arbeit – mein Fahrrad hat einen Platten, also fahre ich Bus.“
„Hast du schon gegessen?“
„Nein.“ Die ganze Woche war er ihr nicht aus dem Kopf gegangen. Gleich fragt er, dachte sich Jane. Sie triumphierte innerlich.
„Hast du Hunger?“ Moritz ließ schon auf sich warten. Aber als emanzipierte, junge Frau, darf man auch mal den ersten Schritt machen. Beziehungsweise, den ersten Schritt schneller machen. 
„Und wie! Ich wollte noch was einkaufen, warum begleitest du mich nicht und wir kochen uns was?“
„Das wollte ich gerade auch vorschlagen.“
Ja, ja. „Oh prima, magst du Couscous?“

Sie schlenderten die Straße entlang, bis der nächste Bus kam, wären sie bereits dreimal im Supermarkt gewesen. Moritz hatte einen leichten Linksdrall, doch wenn er gegen Janes Schulter stieß, löste es ein warmes Gefühl in ihrem Bauch aus.  „Ich muss dich mal was fragen, Jane“, er lächelte sie von der Seite schief an. Jane schaute ihn erwartungsvoll an. „Glaubst du, Menschen sind eigentlich unsterblich, aber sie vertragen ein bestimmtes Lebensmittel nicht – Kartoffelchips zum Beispiel…“

It’s science

Ich meine, jetzt habe ich es hinter mir. C. und ich haben Anfang des Semesters noch darüber geredet, Krisen, Frustessen, einseitige Ernährung, Schokolade ohne Ende und wochenlange soziale Inkompetenz. Ich hatte neben den Krisen sogar Phasen des Frustshoppings – beziehungsweise des Onlineshoppings, denn das Haus zu verlassen (persönlicher Rekord: 5 Tage am Stück nur in der Wohnung am Pendeln zwischen Küche, Zimmer und Bad und vielleicht noch dem Zimmer von L., wenn wir uns Lernstandupdates gegeben haben) verursacht ja direkt ein richtig schlechtes Gewissen. Oder Frustschlafen. Zu viel zu lernen? Ich schlafe erstmal zwei Stunden, vier Stunden, sieben Stunden – oh, schon halb zehn Uhr abends? Da kann ja kein Mensch mehr lernen. Und ich habe jetzt auch Amazon Prime Instant Video, New Girl kann ich sowieso wieder und wieder schauen – letzte Woche habe ich bereits zum vierten Mal von vorne angefangen – also hocke ich mich vor den Laptop und lasse mich noch bis ein Uhr morgens von meiner Lieblingsserie ablenken. Obwohl, im Februar, als der Lernstress und die Krisen am stärksten waren, habe ich Gilmore Girls für mich entdeckt und bis jetzt die halbe erste Staffel durchgeschaut. Wenn ich nicht am Schreibtisch saß und mich mit Epochen, Versmaßen oder Strophenformen befasste, lag ich im Bett und war von Lorelai, Rory, Sukki und Dean echt hingerissen. Oder L. setzte sich dazu und schaute vier Stunden mit mir zusammen, aber statt Serien eher Topmodel oder den Bachelor oder Shopping Queen, irgendetwas, wo man eben abschalten und reden kann.

In der letzten Februarwoche fingen dann die Castings an. M. ist im Januar ausgezogen aus der WG und L., unser wilder Kater Hummel und ich haben die Zeit eben zu dritt verbracht und uns mit den potentiellen Mitbewohnerkandidaten auseinandergesetzt. Damit Hummel nicht der einzige Mann im Haus ist, haben wir uns für A. entschieden, der erstens mit dem nicht ausgelasteten Kater prima umgehen kann, und zweites zu L.s Freude auch noch aus Frankreich kommt und sie sich mit ihm also auf Französisch austauschen kann, und drittens, wirklich gut Deutsch spricht, dass auch ich mit ihm reden kann. Denn mein Französisch ist nur noch passiv in der hintersten Ecke meines Gehirns vorhanden.
Weit bis nach Frankreich ist es von uns aus ja nicht, bis in die nächst größere Stadt sind es gerade mal 50 Kilometer, die nächste französische Kleinstadt ist von der Haustür aus mit dem Auto in 15 Minuten zu erreichen. Und es ist wirklich schön da. Nur sind eben meine Französisch-Skills nicht mehr vorhanden. Ich frage mich auch, wie ich jemals Klausuren schreiben konnte, ich kann nicht mal mehr den Subjunktiv – und an dieser Stelle habe ich sogar vergessen wozu der gut war. Jedenfalls war M. letztes Wochenende zu Besuch und wir sind nach Frankreich gefahren. Wir wollten uns nur belegte Baguettes holen, aber ich bin kläglich gescheitert.

Ich: “Avez-vous des paninis?”
Der Verkäufer: “Kebab – Baguette – non – Kebab.”
Ich: “Ah, non, merci, au revoir.”
Der Verkäufer: “%œ=%=â&’*§&ý(”
Ich: “Non, merci.”
Ein Gast: “ç§%)/=%œ#$&)/&$âë=§$&/)ó”
Ich: “Au revoir, merci.”

Und ich habe M. etwas überstürzt hinter mir her aus dem Laden gezogen.
Am Ende hatten wir dann aber doch Baguettes und Petit Four aus einer Bäckerei mit einer sehr netten Bedienung, die doch ein bisschen Deutsch konnte. Aber sonst hätte ich ja L. oder eben Muttersprachler A. mit dabei und könnte einen der beiden im Notfall vorschicken. Ich komme mir schon etwas vor wie mein Papa, der sich in Frankreich auch eher mit Händen und Füßen verständigt und zwischendurch dann ein “Patati, patata” einwirft.

Seit ein paar Tagen bin ich nun wieder daheim bei meiner Familie und der Bande. Ich hoffe wirklich, dass ich die Prüfungen bestanden habe, denn nach den ersten beiden Klausuren war ich mir nicht mehr so ganz sicher. Generell war es ein emotionales Auf und Ab, mit einigen Freunden schicke ich Videonachrichten bei Skype hin und her, um Tagesupdates zu geben. Zwei Tage vor der Prüfung dann etwa alle siebzehn Minuten ein Wechsel meines Gemütszustandes. Mindestens fünf Videonachrichten täglich, ungefähr alle zwei Stunden eine, und entweder erzählte ich “Yes, ich bin top vorbereitet, ich kann alles. Ich kann dir alles über Barock, Klassik oder Realismus erzählen. Die Ballade ist das Ur-Ei der Dichtung, der Alexandriner ist sechshebig und hat eine Zäsur – easy. Ich kann alle Strophen- und Gedichtformen und über Aristoteles weiß ich auch bescheid” oder “Ich kann nichts, ich weiß nicht wie ich das schaffen soll, ich kann die Versmaße – schön, und jetzt? Das ist so viel, ich höre jetzt auf, ich mag nicht mehr, ich gehe jetzt schlafen” und immer die Versuche meiner Freunde, mich auf einen relativ neutralen Nullpunkt zurückzubringen.
Und zwischen veganem Schokoladenpudding, gefrorenen Himbeeren, Kaffee wie durch den Tropf, gebratenen Nudeln und Zucchinipasta, meinen und L.s Krisen und einigen Stunden Schlaf, aber mindestens doppelt so vielen Stunden Serien und noch etwas mehr Paukerei, bin ich der Meinung, dass das Bestehen oder Nichtbestehen der Prüfungen letzten Endes doch einfach spannend bleibt und ich erst tiefenentspannt New Girl weiterschauen kann, wenn ich die Ergebnisse habe. It’s science.

Wer bist du denn?

Vier Personen, vier Teller. Ich ziehe aus, meine Oma zieht ein. Easy.
Es muss nicht weniger oder mehr gekocht werden, nur öfters mal vegetarisch.
Wie meine Eltern habe aber auch ich meine Eigenarten beim Kochen. Während meine Mama sich einfach irgendwas ausdenkt und Rezepte so abwandeln kann, dass die Zutaten, die wir noch daheim haben, verarbeitet werden, hält sich mein Papa grundsätzlich ans Rezept. Ist etwas nicht im Haus, fährt er am liebsten in die Metro. Bekanntlich sind die Augen ja größer als der Magen, das trifft zumindest beim Einkaufen auf meinen Papa zu, vielleicht liegt es aber auch an der Größe der Lebensmittel, die es in der Metro zu kaufen gibt. Antipasti? Im vier Kilo Glas. Fenchelsalami? Am Stück, 500 Gramm. Gouda? Der ganze Laib direkt aus den Niederlanden importiert. Einmal alles bitte, danke. Bis auf den Gouda hat er wirklich schon so einiges mitgebracht. Wieso sich mein Papa aber beim Kochen dann immer leicht verkalkuliert, ist mir schleierhaft. Für jeden gibt es etwa eine kleine Hühnerbrust und eine halbe Kartoffel, dafür aber einen riesigen Salat aus einem Kopf Eisbergsalat, einer Salatgurke, zwei Handvoll Cocktailtomaten, einem Bund Radieschen und drei Paprika in rot, gelb und grün – allerdings ohne Dressing, das ist nun doch wieder eine Kunst für sich.

Meine Fähigkeiten reichen von Omelette über Feldsalat zu Ratatouille. Da hört mein Rezeptehorizont auch schon auf und die Suche nach Inspiration gestaltet sich als umständlich. Nudeln, Reis, Kartoffeln. Dazu Gemüse – was haben wir im Kühlschrank? Salat, Gurke, Tomaten, Zucchini, Aubergine, Pilze. Dann denke ich nach, mache mir einen Tee und überfliege Rezepte. 70 Prozent der Zutaten sind nicht da und eigentlich möchte ich auch die Sachen verwenden, die wir haben. Also heute Reis mit Zucchini, Tomaten und Joghurt. Manchmal sehne ich mich selbst nach dem Lieblingsessen von meinem Vater: Pellkartoffeln mit Hering. Wenn es nach ihm ginge, würde es zwei Mal die Woche auf den Tisch kommen. Doch in der Küche ist meine Mama Chef und damit zurück zum eigentlichen Thema: Vier Personen, vier Teller. Und wenn ich dann mal alle sechs Wochen nach Hause komme, immer die große Frage: “Was möchtest du am Wochenende essen, Kind?”

“Weinblätter, Tafelspitz mit Meerrettich, Spaghetti Bolognese, mir egal, Mama”.

In den Semesterferien war es also wieder so weit und während ich mit Dara allen möglichen Gossip austauschte, stand meine Mutter in der Küche und kochte Mir egal, Mama. Schließlich rief mein Vater zum Essen: “Doreendaramutti: Es gibt Essen!”
Fünf Personen, vier Teller.
“Mama, esse ich nicht mit?”
“Hm? Oh! Hab ich deinen Teller vergessen?”
Nach zwanzig Sekunden dann: Fünf Personen, fünf Teller mit einem vorzüglichen Mir egal, Mama.