Plakatliebe II

Moritz hing halb in dem Sessel im Wohnzimmer und aß Kartoffelchips. Mit seinem Fuß schob er ein altes Paar Socken hin und her. Die Chipstüte war fast leer, als ihm plötzlich ein Gedanke kam: Was wäre, wenn die Menschen nur starben, weil sie etwas Bestimmtes aßen – Kartoffelchips zum Beispiel. Vielleicht waren die Menschen unsterblich und starben an einer Art Langzeit-Lebensmittelvergiftung.
Der Gedanke widerte ihn an. Die Kartoffelchips widerten ihn an. Er warf die Tüte von sich, die übrigen Chips fielen heraus und verteilten sich über den Teppichboden, alte Kleidung und ein paar leere Schokoladenverpackungen. Sein Leben widerte ihn an. Er beschloss, auf der Stelle etwas zu ändern. Der erste Schritt war eine radikale Aufräumaktion. Moritz sprang auf, klopfte sich einige Chipskrümel vom Hemd und eilte in die Küche. Hektisch suchte er nach der Rolle mit den Müllbeuteln. Er verfluchte sich selbst und sein Leben; die Müllbeutel ließen sich einfach nicht finden. Dann mussten eben welche gekauft werden. Sofort war es aus der Wohnungstür und stürmte den Weg entlang zum nächsten Supermarkt.

Gott ist tot? Jane starrte den Aufkleber an der Wand der Bushaltestelle an. Wie konnte Gott tot sein? Er war doch Gott. So etwas Respektloses. Derjenige, der sich das ausgedacht hatte, hatte wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank.
„Nietzsche ist tot“, vernahm sie neben sich.
„Nietzsche? Was ist das denn für ein Name?“
„Alter, hattest du kein Philosophie? Nietzsche hat das gesagt, der Spinner. Aber ich sage: Nietzsche ist tot.“
Natürlich, Nietzsche der Philosoph! Davon hatte sie tatsächlich schon einmal gehört. Sie sollte mal wieder in die Kirche gehen, Gott einen Besuch abstatten. Das tat sie leider viel zu selten. 
Der Bus fuhr vor. Jane ließ die beiden Jungen vor sich einsteigen und wartete auch noch geduldig ab, bis sich eine ältere Dame am Geländer in den Bus hineingezogen hatte.
Hinter ihr hörte sie schnelle Schritte und ein Keuchen. Dann drehte sie sich zu dem jungen Mann um, der um einen Laternenpfahl herumwirbelte, und sie mit großen Augen anschaute. Seine Haare standen wild vom Kopf ab, obwohl er sie mehrmals mit den Händen zu bändigen versuchte. 
„Jane.“
In diesem Moment passierte, was Jane immer passierte, wenn sie überrascht war: Sie starrte den jungen Mann an und ihr Gehirn setzte aus, jeder Denkprozess war lahmgelegt. Potato, Potato, dingdong, Tomato. 
„Der Bus?“ Er deutete auf den Busfahrer, der die beiden fragend anschaute. Jane schüttelte irritiert den Kopf. Der Busfahrer schnalzte ungeduldig mit der Zunge und schloss die Türen. Erst das Zischen des anfahrenden Busses löste Jane aus ihrer Trance. „Oh.“ Sie senkte den Blick, dann schaute sie ihn wieder an. Grüne Augen, wirres Haar, schiefes Lächeln, blaues Karohemd. „Hey Typ“, sagte sie lächelnd. Moritz schnipste mit den Fingern. „Ich dachte schon, du erkennst mich nicht mehr. Wie geht es deinem Kopf?“
„Gut! Und was die Beule angeht –“, sie deutete auf ihre Stirn. „Was ein bisschen Concealer nicht alles verdecken kann. Also ‚ein bisschen‘ ist gut, da sind wirklich Unmengen drauf, meine Stirn ist wirklich noch gelb-grün-lila.“ 
„Hey, was machst du jetzt?“
„Jetzt gerade?“
„Nein, jetzt wie gleich.“
„Ich war gerade auf dem Heimweg von der Arbeit – mein Fahrrad hat einen Platten, also fahre ich Bus.“
„Hast du schon gegessen?“
„Nein.“ Die ganze Woche war er ihr nicht aus dem Kopf gegangen. Gleich fragt er, dachte sich Jane. Sie triumphierte innerlich.
„Hast du Hunger?“ Moritz ließ schon auf sich warten. Aber als emanzipierte, junge Frau, darf man auch mal den ersten Schritt machen. Beziehungsweise, den ersten Schritt schneller machen. 
„Und wie! Ich wollte noch was einkaufen, warum begleitest du mich nicht und wir kochen uns was?“
„Das wollte ich gerade auch vorschlagen.“
Ja, ja. „Oh prima, magst du Couscous?“

Sie schlenderten die Straße entlang, bis der nächste Bus kam, wären sie bereits dreimal im Supermarkt gewesen. Moritz hatte einen leichten Linksdrall, doch wenn er gegen Janes Schulter stieß, löste es ein warmes Gefühl in ihrem Bauch aus.  „Ich muss dich mal was fragen, Jane“, er lächelte sie von der Seite schief an. Jane schaute ihn erwartungsvoll an. „Glaubst du, Menschen sind eigentlich unsterblich, aber sie vertragen ein bestimmtes Lebensmittel nicht – Kartoffelchips zum Beispiel…“

It’s science

Ich meine, jetzt habe ich es hinter mir. C. und ich haben Anfang des Semesters noch darüber geredet, Krisen, Frustessen, einseitige Ernährung, Schokolade ohne Ende und wochenlange soziale Inkompetenz. Ich hatte neben den Krisen sogar Phasen des Frustshoppings – beziehungsweise des Onlineshoppings, denn das Haus zu verlassen (persönlicher Rekord: 5 Tage am Stück nur in der Wohnung am Pendeln zwischen Küche, Zimmer und Bad und vielleicht noch dem Zimmer von L., wenn wir uns Lernstandupdates gegeben haben) verursacht ja direkt ein richtig schlechtes Gewissen. Oder Frustschlafen. Zu viel zu lernen? Ich schlafe erstmal zwei Stunden, vier Stunden, sieben Stunden – oh, schon halb zehn Uhr abends? Da kann ja kein Mensch mehr lernen. Und ich habe jetzt auch Amazon Prime Instant Video, New Girl kann ich sowieso wieder und wieder schauen – letzte Woche habe ich bereits zum vierten Mal von vorne angefangen – also hocke ich mich vor den Laptop und lasse mich noch bis ein Uhr morgens von meiner Lieblingsserie ablenken. Obwohl, im Februar, als der Lernstress und die Krisen am stärksten waren, habe ich Gilmore Girls für mich entdeckt und bis jetzt die halbe erste Staffel durchgeschaut. Wenn ich nicht am Schreibtisch saß und mich mit Epochen, Versmaßen oder Strophenformen befasste, lag ich im Bett und war von Lorelai, Rory, Sukki und Dean echt hingerissen. Oder L. setzte sich dazu und schaute vier Stunden mit mir zusammen, aber statt Serien eher Topmodel oder den Bachelor oder Shopping Queen, irgendetwas, wo man eben abschalten und reden kann.

In der letzten Februarwoche fingen dann die Castings an. M. ist im Januar ausgezogen aus der WG und L., unser wilder Kater Hummel und ich haben die Zeit eben zu dritt verbracht und uns mit den potentiellen Mitbewohnerkandidaten auseinandergesetzt. Damit Hummel nicht der einzige Mann im Haus ist, haben wir uns für A. entschieden, der erstens mit dem nicht ausgelasteten Kater prima umgehen kann, und zweites zu L.s Freude auch noch aus Frankreich kommt und sie sich mit ihm also auf Französisch austauschen kann, und drittens, wirklich gut Deutsch spricht, dass auch ich mit ihm reden kann. Denn mein Französisch ist nur noch passiv in der hintersten Ecke meines Gehirns vorhanden.
Weit bis nach Frankreich ist es von uns aus ja nicht, bis in die nächst größere Stadt sind es gerade mal 50 Kilometer, die nächste französische Kleinstadt ist von der Haustür aus mit dem Auto in 15 Minuten zu erreichen. Und es ist wirklich schön da. Nur sind eben meine Französisch-Skills nicht mehr da. Ich frage mich auch, wie ich jemals Klausuren schreiben konnte, ich kann nicht mal mehr den Subjunktiv – und an dieser Stelle habe ich sogar vergessen wozu der gut war. Jedenfalls war C. letztes Wochenende zu Besuch und wir sind nach Frankreich gefahren. Wir wollten uns nur belegte Baguettes holen, aber ich bin kläglich gescheitert.

Ich: “Avez-vous des paninis?”
Der Verkäufer: “Kebab – Baguette – non – Kebab.”
Ich: “Ah, non, merci, au revoir.”
Der Verkäufer: “%œ=%=â&’*§&ý(”
Ich: “Non, merci.”
Ein Gast: “ç§%)/=%œ#$&)/&$âë=§$&/)ó”
Ich: “Au revoir, merci.”

Und ich habe C. etwas überstürzt hinter mir her aus dem Laden gezogen.
Am Ende hatten wir dann aber doch Baguettes und Petit Four aus einer Bäckerei mit einer sehr netten Bedienung, die doch ein bisschen Deutsch konnte. Aber sonst hätte ich ja L. oder eben Muttersprachler A. mit dabei und könnte einen der beiden im Notfall vorschicken. Ich komme mir schon etwas vor wie mein Papa, der sich in Frankreich auch eher mit Händen und Füßen verständigt und zwischendurch dann ein “Patati, patata” einwirft.

Seit ein paar Tagen bin ich nun wieder daheim bei meiner Familie und der Bande. Ich hoffe wirklich, dass ich die Prüfungen bestanden habe, denn nach den ersten beiden Klausuren war ich mir nicht mehr so ganz sicher. Generell war es ein emotionales Auf und Ab, mit einigen Freunden schicke ich Videonachrichten bei Skype hin und her, um Tagesupdates zu geben. Zwei Tage vor der Prüfung dann etwa alle siebzehn Minuten ein Wechsel meines Gemütszustandes. Mindestens fünf Videonachrichten täglich, ungefähr alle zwei Stunden eine, und entweder erzählte ich “Yes, ich bin top vorbereitet, ich kann alles. Ich kann dir alles über Barock, Klassik oder Realismus erzählen. Die Ballade ist das Ur-Ei der Dichtung, der Alexandriner ist sechshebig und hat eine Zäsur – easy. Ich kann alle Strophen- und Gedichtformen und über Aristoteles weiß ich auch bescheid” oder “Ich kann nichts, ich weiß nicht wie ich das schaffen soll, ich kann die Versmaße – schön, und jetzt? Das ist so viel, ich höre jetzt auf, ich mag nicht mehr, ich gehe jetzt schlafen” und immer die Versuche meiner Freunde, mich auf einen relativ neutralen Nullpunkt zurückzubringen.
Und zwischen veganem Schokoladenpudding, gefrorenen Himbeeren, Kaffee wie durch den Tropf, gebratenen Nudeln und Zucchinipasta, meinen und L.s Krisen und einigen Stunden Schlaf, aber mindestens doppelt so vielen Stunden Serien und noch etwas mehr Paukerei, bin ich der Meinung, dass das Bestehen oder Nichtbestehen der Prüfungen letzten Endes doch einfach spannend bleibt und ich erst tiefenentspannt New Girl weiterschauen kann, wenn ich die Ergebnisse habe. It’s science.

Wer bist du denn?

Vier Personen, vier Teller. Ich ziehe aus, meine Oma zieht ein. Easy.
Es muss nicht weniger oder mehr gekocht werden, nur öfters mal vegetarisch.
Wie meine Eltern habe aber auch ich meine Eigenarten beim Kochen. Während meine Mama sich einfach irgendwas ausdenkt und Rezepte so abwandeln kann, dass die Zutaten, die wir noch daheim haben, verarbeitet werden, hält sich mein Papa grundsätzlich ans Rezept. Ist etwas nicht im Haus, fährt er am liebsten in die Metro. Bekanntlich sind die Augen ja größer als der Magen, das trifft zumindest beim Einkaufen auf meinen Papa zu, vielleicht liegt es aber auch an der Größe der Lebensmittel, die es in der Metro zu kaufen gibt. Antipasti? Im vier Kilo Glas. Fenchelsalami? Am Stück, 500 Gramm. Gouda? Der ganze Laib direkt aus den Niederlanden importiert. Einmal alles bitte, danke. Bis auf den Gouda hat er wirklich schon so einiges mitgebracht. Wieso sich mein Papa aber beim Kochen dann immer leicht verkalkuliert, ist mir schleierhaft. Für jeden gibt es etwa eine kleine Hühnerbrust und eine halbe Kartoffel, dafür aber einen riesigen Salat aus einem Kopf Eisbergsalat, einer Salatgurke, zwei Handvoll Cocktailtomaten, einem Bund Radieschen und drei Paprika in rot, gelb und grün – allerdings ohne Dressing, das ist nun doch wieder eine Kunst für sich.

Meine Fähigkeiten reichen von Omelette über Feldsalat zu Ratatouille. Da hört mein Rezeptehorizont auch schon auf und die Suche nach Inspiration gestaltet sich als umständlich. Nudeln, Reis, Kartoffeln. Dazu Gemüse – was haben wir im Kühlschrank? Salat, Gurke, Tomaten, Zucchini, Aubergine, Pilze. Dann denke ich nach, mache mir einen Tee und überfliege Rezepte. 70 Prozent der Zutaten sind nicht da und eigentlich möchte ich auch die Sachen verwenden, die wir haben. Also heute Reis mit Zucchini, Tomaten und Joghurt. Manchmal sehne ich mich selbst nach dem Lieblingsessen von meinem Vater: Pellkartoffeln mit Hering. Wenn es nach ihm ginge, würde es zwei Mal die Woche auf den Tisch kommen. Doch in der Küche ist meine Mama Chef und damit zurück zum eigentlichen Thema: Vier Personen, vier Teller. Und wenn ich dann mal alle sechs Wochen nach Hause komme, immer die große Frage: “Was möchtest du am Wochenende essen, Kind?”

“Weinblätter, Tafelspitz mit Meerrettich, Spaghetti Bolognese, mir egal, Mama”.

In den Semesterferien war es also wieder so weit und während ich mit Dara allen möglichen Gossip austauschte, stand meine Mutter in der Küche und kochte Mir egal, Mama. Schließlich rief mein Vater zum Essen: “Doreendaramutti: Es gibt Essen!”
Fünf Personen, vier Teller.
“Mama, esse ich nicht mit?”
“Hm? Oh! Hab ich deinen Teller vergessen?”
Nach zwanzig Sekunden dann: Fünf Personen, fünf Teller mit einem vorzüglichen Mir egal, Mama.

Im Brauhaus

Als ich mit dem Tablett an den Tisch komme, schauen die beiden Pärchen Anfang vierzig schon erwartungsvoll auf die Getränke.
“Ein großes Helles?”, frage ich und halte das Glas hoch. “Hier”, nickt der Mann mit dunklen Locken.
“Das Radler?” Der Mann mit der runden Brille streckt mir die Hand hin: “Danke, das ist für mich.”
“Dann sind die beiden Spätburgunder also für die Damen”, sage ich lächelnd und stelle ihnen die Weingläser auf die Bierdeckel. “Haben Sie sich schon für was zu Essen entschieden?”
“Ich nehme den Herbstsalat”, flötet eine der Frauen während sie mit dem Finger über den Glasrand fährt.
Als sich ihre Freundin über die Karte beugt und gerade zum Bestellen ansetzt, fängt der Mann mit den Locken leise an zu singen. “Gehse inne Stadt, wat macht dich da satt?”
“Also ich hätte dann gerne -“, beginnt sie. Der Mann hält den Zeigefinger in die Höhe und brummt: “Ne Currywurst”.
“Den Schnitzelsalat – oder? Nein, warten Sie!” Ich streiche die Bestellung von meinem Block und schaue sie an. “Doch lieber auch einen Herbstsalat.” Hinter Herbstsalat setze ich zwei Striche. “Ach wissen Sie was? Ich nehme doch nur etwas von dem Brot”, entscheidet sie sich wieder um und nimmt sich ein Stück Baguette. Ich nicke und wende mich ihrem singenden Sitznachbarn zu. “Ne Currwurst. Mit Pommes dabei, ach, dann gebense gleich zweimal Currywurst – Kennen Sie das Lied?” Er schaut mich fragend an.
“Das kenne ich tatsächlich, meine Eltern hören auch Herbert Grönemeyer.”
“Ihre Eltern?” Die Frau verschluckt sich fast am Baguette als sie empört nach Luft schnappt. “Wollen Sie damit sagen, dass wir alt aussehen?”
“Aber nein!”, rufe ich. “Ich bin ja erst 19, trotzdem – so alt wie meine Eltern sind Sie bestimmt nicht!”
Von meiner Entschuldigung wenig beeindruckt schaut sie zur Seite und nippt pikiert an ihrem Wein.
“Also wir nehmen dann zwei Currywurst, du nimmst doch auch eine, Dieter?” Dieter hält den Daumen in die Höhe und ich notiere mir zwei Currywurst. Dann nicke ich und boniere die Bestellung.

Yes, you may leave

Papa, Dara und ich waren im August spontan in Mailand im Urlaub. Hier war es uns zu kalt und zu langweilig, also sollte ein Flug nach Wien gebucht werden. Da aber eigentlich jeder woanders hinwollte, schlug meine Mutter Blind Booking vor. Eine durchaus spaßige Variante, wenn man sich nicht einigen kann. Während Papa unbedingt nach Wien wollte, sammelte Dara Argumente für Barcelona. Ich hingegen hatte erst vor einigen Tagen ein paar ältere Iren auf Städtetour interviewt und war von Dublin recht angetan. Blind Booking schlichtete den Streit kurzerhand und es ging auf nach Mailand.
Mailand ist eine wirklich schöne Stadt, wenn man sich die richtigen Ecken anschaut. Wir waren unglaublich viel zu Fuß unterwegs. Am Abend tippten wir immer, wie viele Schritte Papas Handy wohl gezählt hatte. 15.000 Schritte direkt am ersten Tag. Das war Handy- und unser persönlicher Rekord. Zwei Tage später knackten wir auch die 15.000-Schritte-Grenze, als wir an der Stadtgrenze nach einer Eisdiele suchten. Kurz vor Ladenschluss erreichten wir die winzige Eisdiele und gönnten uns je drei Kugeln Eis. Ich würde glatt behaupten, dass sogar der beste Eisladen bei uns in der Stadt nicht ansatzweise so gutes Eis macht wie dort in Italien. Aber vielleicht war es auch nur das typische Urlaubsphänomen: Baguette schmeckt nur in Frankreich, Frikandel ausschließlich in den Niederlanden und Fish & Chips mit Vinegar am besten in Großbritannien.
Die Pinakothek, die Museen, die Einkaufsstraßen und die Cafés an dem Kanal waren wirklich irre. Was aber noch viel irrer war, waren die Preise im Zentrum: Als wir am ersten Tag hungrig vom Flughafen in der Stadt ankamen und nach Essen suchten, fanden wir nur ein einziges Café mit halbwegs akzeptablen Preisen. Trotzdem sind 37€ für drei halbe Toasts und drei Cappuccino ziemlich happig.
Das einzige, dem man nicht entgehen konnte, waren die ewigen Händler, die sich den Touristen aufdrängten. Schon nach zwei Tagen waren wir so genervt, dass wir nicht mehr höflich ablehnten, sondern nur noch die Hand vor die Rosen, Armbänder oder das Vogelfutter hielten und weiterliefen.
An einem Abend saßen wir in einer Pizzeria in einem weniger touristischen Viertel, aber trotzdem verirrte sich schon der dritte Rosenhändler an unseren Tisch. Als der Vierte zu uns kam und Dara eine rote Rose unter die Nase hielt, streckte Papa ihm sein Handy ins Gesicht. Der Mann trat einen Schritt zurück und schaute auf das Display.
“No roses?”, fragte der Mann.
“No, thanks”, antwortete Papa und legte sein Handy auf den Tisch.
“Okay -”
“Yes, you may leave”, sagte Papa und der Mann drehte sich tatsächlich zum nächsten Tisch um. Dara und ich schauten ihm fragend nach.
“Hier, das habe ich eben gemalt”, er schob uns das Handy hin. Wie auf einem ‘Rauchen verboten’-Schild war auf seinem Display eine durchgestrichene Rose zu sehen.

“Papa, das ist sehr, sehr schlau.”

Zappenduster

“Ich fasse es nicht! Warum leben wir nicht autark?”, höre ich meinen Vater gedämpft aus dem Schlafzimmer. “Für so einen Fall möchte ich vorbereitet sein. Das kann doch immer passieren, wenn wir autark leben würden, wären wir unabhängig. Unabhängig.”
Genervt drehe ich mich auf die Seite und schiele auf mein Handy. Es ist vier Uhr morgens, natürlich noch stockdunkel in meinem Zimmer und mein Vater regt sich nebenan aus unerfindlichen Gründen über etwas auf.
“Hendrik -“, murmelt meine Mutter.
“Ich habe es immer schon gesagt!”
“Hendrik, jetzt leg dich einfach wieder hin.”
“Autark zu leben ist so wichtig.”
“Hendrik, es ist mitten in der Nacht.”
“Au, verdammt. Siehst du, jetzt haben wir kein Licht. Ausgerechnet jetzt haben wir kein Licht. Gut, dass ich immer eine Taschenlampe neben dem Bett habe. Aua, mein Zeh.” Er setzt sich wohl wieder auf das Bett. “Weißt du, Jasmin, wenn wir jetzt auf dem Dach Solarzellen hätten, dann hätten wir jetzt genug Strom. In so einem Fall wäre das echt hilfreich.”
“Aber du hast doch die Taschenlampe. Außerdem, wozu brauchst du mitten in der Nacht Licht? Kannst du dich bitte wieder hinlegen?”
“Ich habe mir eben den Zeh angehauen.”
“Das wäre nicht passiert, wenn du nicht aus Rage aufgestanden wärst.”
“Und wieso bin ich in Rage?”
“Kannst du mir das nicht morgen erzählen? Du machst so einen Radau. Gleich sind alle wach.”
“Weil wir einen Stromausfall haben. Deshalb bin ich in Rage.”
“Ich frage mich, warum ich es dir überhaupt gesagt habe. Das hätte ich dir einfach morgen früh sagen können.”
“Nein, aber so etwas ist wichtig. Weißt du, was bei einem Stromausfall alles kaputt gehen kann? Der Kühlschrank, der Ofen, der Fernseher – ”
“Erzähl es uns doch morgen beim Frühstück.”
“Es geht hier aber um das Prinzip. Ich rufe jetzt die Stadtwerke an.”
“Hendrik!”
“Wieso – bitte – haben wir einen Stromausfall?”
“Das ist doch vollkommen unwichtig!”
“Ist es nicht. Ich möchte wissen, warum der Strom um diese Zeit ausfällt.”
“Hätte ich es dir nicht gesagt, wäre es dir gar nicht erst aufgefallen.”
“Du hast es mir aber gesagt und jetzt bin ich wach.”
“Du saßt direkt senkrecht im Bett, Liebling.”
“Ich rufe jetzt die Stadtwerke an.”
“Das Telefon geht aber nicht.”
“Okay. Okay, aber nur weil das Telefon nicht geht, rufe ich erst morgen da an. Und das nur wegen des Stromausfalls.”, man hört förmlich, wie er nachdenkt. “Wegen eines Stromausfalls. Ein Stromausfall mitten in der Nacht. Sag mal, hab ich sie noch alle?”
Meine Mutter lacht über seine plötzliche Vernunft und kurz darauf höre ich wieder ihre gleichmäßigen Atemzüge.

Drei Kinder, bitte, danke

Während des Praktikums bei einer der größeren Zeitungen in der Stadt schickte der Chefredakteur uns Praktikanten zu wirklich schönen Presseterminen. M. durfte beispielsweise öfters mal auf Filmsets, ein anderer Praktikant vertrat die Zeitung häufig bei Vernissagen und ich wuselte meistens auf Veranstaltungen herum. So wurde ich im Juli zu einer Kindermode-Messe entsandt. Es war wirklich das goldigste, das ich in den letzten Monaten gesehen hatte und sofort wollte ich mindestens drei Kleinkinder zum Einkleiden haben. Auf der Messe wurden die Modetrends und -highlights der kommenden Saison vorgestellt: Söckchen für Babys im Chucks-Look, Mini-Jeans in Indigo, Senfgelb oder Dunkelgrün, schwarz-weiß gepunktete, gestreifte oder gemusterte Kleidchen, Hemdchen, Jäckchen, Mäntelchen – einfach alles in Miniaturausgabe.
Nachdem man mir der Abenddienst am Vorabend versichert hatte, ohne ausgedruckten Akkreditierungsnachweis käme ich unter gar keinen Umständen in die Messehallen hinein, stand ich dementsprechend am nächsten Morgen fluchend vor meinem Drucker, der die Druckinformationen partout  nicht empfangen wollte. Eine halbe Stunde später versuchte ich die Redaktion zu erreichen – um halb zehn Uhr morgens? Pustekuchen. Doch ich hatte nicht mit der Sekretärin gerechnet, die schon vor den Redakteuren mit der Arbeit beginnt und Pressemitteilungen sortiert. Sie schlug mir vor, mich mit dem Fotografen vor den Messehallen zu treffen, damit er mich mit reinnehmen konnte.
Nun ist es aber so: Kein Fotograf erscheint pünktlich zum Pressetermin. Grundsätzlich nicht. Schließlich sind die Fototermine meistens auf die letzten fünf bis zehn Minuten des Termins angesetzt – was soll sich der Fotograf da vorher langweilen?
Also hielt ich zwei Stunden später der Dame am Pressestand mein Handy mit der PDF-Datei des Akkreditierungsnachweises unter die Nase, sie nickte und winkte mich durch. Der Hostess, die meinen Akkreditierungsnachweis eigentlich am Eingang scannen sollte, erklärte ich, dass ich keinen brauchte, man habe mich vorne schon durchgewunken. Auch sie nickte und ließ mich passieren. Nachdem ich eine Weile in den Messehallen herumgeirrt war, fand ich schließlich den Presseraum, vielmehr den Pressesaal. Es war ein großer, heller Raum mit fünf Holztischen, einem üppigen Büfett, zwei strahlenden Hostessen, fünf Vorständen und einigen Pressevertretern aus ganz Europa. Ich betrachtete kurz mein Spiegelbild im Fensterglas – weißes Maison Scotch-Shirt mit Statement-Kette, schwarze Levi’s-Jeans, graue Giesswein-Oversize-Trachtenjacke und dazu schmutzige rote Wildleder-Chucks. Das konnte noch als casual chic durchgehen. Ich zuckte die Schultern und musterte die anderen in Schale geworfenen Pressevertreter. Sie trugen von business chic bis zum kleinen Schwarzen, auf jeden Fall alles mit hohen Absätzen, die Herren entweder bonbonfarbene Anzüge oder schicke Hemden zu Jeans. Eine Hostess drückte mir lächelnd die Pressemappe in die Hand und bat mich, mir eine Goodie-Bag zu nehmen. Ich lud meine Sachen auf einem Tisch ab und holte mir einen Obstsalat am Büfett bevor ich mir die Pressemitteilungen durchlas. Während ich meinen Obstsalat snackte, ließ ich den Blick durch den Raum schweifen. An einem Tisch gegenüber winkte eine schlanke Frau mit langen, braunen Haaren. Ich spießte eine Mango auf und schob sie mir in den Mund. Die Frau winkte immer noch in meine Richtung. Zur Sicherheit nickte ich ihr kurz zu, sie lächelte und ließ die Hand sinken. Ich drehte mich um, doch weder hinter noch neben mir schien jemand von ihr Notiz genommen zu haben. Nach dem Pressetermin fand ein Rundgang durch die Messehallen statt zu dem man uns, wie in einer Führung im Museum, Headphones aushändigte. An den Ständen erzählten uns die Designer der aktuellen Kollektionen von ihren persönlichen Highlights, ich notierte mir das Nötigste und machte ein paar Aufnahmen mit dem Handy. Plötzlich stand die Frau mit den langen, braunen Haaren neben mir und flüsterte mir “Hola” ins Ohr. Ich zuckte leicht zusammen und trat einen Schritt zurück. Sie trug ein enges weißes Kleid mit hohen Schuhen und weißer Handtasche. Sie kam mir nicht bekannt vor. Wieder nickte ich ihr zu. “Hola se­ño­ri­ta”, begrüßte sie mich strahlend. “H- h- hola?”, krächzte ich. Und dann begann sie mir etwas auf Spanisch zu erzählen.
Ich spreche genau zwei Worte Spanisch: Hola und Tapas. Obwohl ich mir bei Tapas noch nicht mal sicher bin, ob das auf Spanisch auch so heißt oder eigentlich eingedeutscht ist.
Spätestens nachdem sie ihre vermeintliche Frage zum dritten Mal stellte, merkte sie, dass wir uns wohl nicht kannten und sie schaute etwas enttäuscht. Dann deutete sie auf die Converse-Söckchen, mit denen der Designer vor uns in der Luft herumfuchtelte, fragte “Aren’t they super cute?” und stöckelte von dannen.