Plakatliebe

Als eines Morgens ein neues Plakat an der Hauswand des DaVinci-Weges angeklebt wurde, veränderte sich Janes Leben schlagartig.
Nicht in dem Sinne, dass dort einfach ein buntes, glänzendes Plakat ein bisschen Farbe in die ansonsten enge Gasse brachte und Jane aus Überraschung gegen eine Mülltonne fuhr, sondern, dass genau wegen diesem Plakat Moritz Jane kennenlernte.
Soviel sei vorab verraten, die beiden sind am Ende ein Paar, aber der Weg dahin wird ein hartes Stück Arbeit sein, da Sympathie nicht ausschließlich die Grundlage einer Beziehung ist.
Doch zurück zu dem alles auslösenden Plakat. Moritz war gerade dabei, die letzte Ecke des Plakats anzudrücken, als er einen Knall hörte. Er wandte sich um und sah eine junge blonde Frau mit Korkenzieherlocken, die neben ihrem Fahrrad flach mit dem Gesicht nach unten auf der Straße lag. Ringsum lagen bunte Blumen und Farnblätter. Moritz kletterte von der Leiter und ging vorsichtig auf die Frau zu. Sie regte sich nicht.
„Hallo?“, fragte er unsicher.
Vielleicht hatte sie keine äußeren Verletzungen, aber er glaubte, mal von inneren Blutungen gehört zu haben. Das konnte durchaus gefährlich sein. Womöglich verblutete die Frau innerlich, während er noch überlegte, ob er einen Arzt rufen sollte. Er entschied sich dafür und wühlte in seinen Taschen. Sein Handy war unauffindbar.
Dummerweise war es ihm letzte Woche abhandengekommen, was ihm gerade wieder einfiel. Es bestand zwar die Hoffnung, dass es in dem Chaos in seiner Wohnung bei einer allgemeinen Aufräumaktion wieder auftauchen würde, aber in absehbarer Zeit würde das nicht der Fall sein. Deshalb würde er sich in drei Wochen ein neues Handy zulegen und just am selben Tag wegen eines heruntergefallenen Sockenpaares, die Waschmaschine vorziehen und dahinter sein altes Handy wiederfinden.
Moritz ergriff die Radikalmaßnahme und kniff Jane in die Schulter. Sie zuckte zusammen, glaubte aber, noch zu schlafen.
„Oh – lass mich noch was schlafen.“, wollte sie sagen, doch es entwich ihr bloß ein verärgertes Brummen.
„Sind Sie okay?“, fragte jemand.
Wer – war – das? Plötzlich hellwach drehte sie sich auf den Rücken und blickte in die grünsten Augen, die sie je gesehen hatte. Sie musterten Jane besorgt.
„Was -“ Sie blickte sich um. Überall lagen Blumen. An der Hauswand vor ihr entdeckte sie das neue Plakat.
Jahrelang hatte dort ein Limonadenwerbeplakat gehangen, das mit der Zeit fast komplett ausgeblichen war. Doch nun glänzte ein grünes Plakat mit dem Aufdruck Als wär’s ein Stück vom Glück an der Wand.
Jane musste lachen. Sie lachte laut und hell. Ihr Bauch schmerzte bereits vor Lachen, als Moritz hysterisch mit einfiel. Moritz war verwirrt von Janes Reaktion, er hatte doch fest damit gerechnet, dass sie sich etwas getan hatte. Aber als sie so laut zu lachen begonnen hatte, konnte er nicht anders und lachte über ihre Art zu lachen, die ihm sympathisch war. Er japste.
„Wieso lachen Sie?“
„Ich bin Jane.“ Sie blickte auf das Plakat und lachte. Als wär’s ein Stück vom Glück. Nein, das war doch zu komisch, dieser Zufall. Das Plakat war wie eine Prophezeiung für alles. Das Plakat war ein Stück vom Glück. Es war ein Stück vom Glück, dass es sie so sehr abgelenkt hatte, dass sie mit ihrem Fahrrad gegen eine Mülltonne gefahren und umgekippt war. Es war ein Stück vom Glück, dass sie nur einen Kratzer auf der Stirn und sich nichts gebrochen hatte. Es war ein Stück vom Glück, dass diese grünen Augen, genau diese hübschen grünen Augen, ausgerechnet sie gefunden hatten. Es war ein Stück –
„Wieso lachst du, Jane?“ Moritz hatte sich neben sie niedergelassen.
„Es ist ein Stück vom Glück, weißt du?“
Er sah sie fest an und schüttelte den Kopf.
„Sicher, dass alles okay ist?“
Jane nickte heftig. Zu heftig. Ihr Kopf begann zu pochen. Sie fasste an ihre Stirn.
„Na klasse, ist das etwa eine Beule?“
Moritz betrachtete die bläuliche Stelle über ihrem Zeigefinger.
„Ich fürchte schon. Willst du es kühlen? Der Kleistereimer ist kühl, warte.“ Er sprang auf und war mit drei Schritten bei seinen Sachen, er nahm den Eimer und ging zu Jane.
„Vorsicht.“
Langsam näherte er sich Janes Stirn. Sie schloss die Augen und legte die Arme hinter den Kopf. Die Kühle des Eimers tat gut, die Beule pochte nicht mehr allzu stark. Vielleicht würde sie gar nicht sehr groß anschwellen, dann würde sie wohl keiner fragen, wo die Beule denn herkäme.
„Kann ich dich irgendwo hin begleiten? Ich bin fertig mit dem Plakat kleben, da könnte ich dich schnell noch – zur Arbeit? – bringen?“
Jane schlug die Augen auf und lächelte begeistert.
„Das ist eine gute Idee, Typ.“
„Moritz.“
„Das ist eine gute Idee, Moritz.“
Vorsichtig nahm er ihre Hand und half ihr auf. Für einen kurzen Moment blickten sie sich in die Augen. Strahlendes Grün und Karamellsirup-Braun. Moritz errötete und wandte sich zu Janes Fahrrad. Schnell bückte er sich, sammelte die Blumen ein und drückte Jane den ganzen Strauß mit einer Verbeugung in die Arme. Jane beobachtete ihn, wie er seine Utensilien einsammelte und alles in dem Rucksack verstaute. Sie war entzückt von seinen guten Manieren. Sicherlich hatte er mal einen Kurs besucht, um zu lernen, wie man sich gentlemanlike verhält.
Moritz hob ihr Fahrrad auf und stellte den Kleistereimer in den Korb, quer oben drüber legte er die Leiter. Er war bereits ein Stück gegangen bis Jane bemerkte, dass er sich überhaupt in Bewegung gesetzt hatte.
„Halt! Warte! Falsche Richtung!“, rief sie. „Da entlang!“
Mehr oder weniger elegant drehte Moritz das Fahrrad um und ging ihr entgegen.
Sie liefen die Straße entlang zu Janes Gärtnerei und ahnten beide, dass dies nicht die einzige Begegnung bleiben sollte. Im Vorbeigehen warf Jane einen letzten Blick auf das Plakat.
Als wär’s ein Stück vom Glück. Tatsache, so war es einfach.
Advertisements

Und was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s