Charles de Funès

Es ist die überhaupt verrückteste Geschichte, die mir jemals in Frankreich passiert ist.
Es ist knallheiß in der Bretagne und wir fahren vor allem deswegen weite Strecken mit dem Auto, weil die Klimaanlage schön kühl ist. Aber natürlich auch, um in der Gegend herumzukommen. Da Boots stets frisches Leitungswasser verweigert und lieber aus den siffigsten Pfützen trinkt, haben wir uns gedacht, dass wir eine Weile am Fluss entlang laufen, damit sie sich abkühlen kann und uns wegen der bebäumten Promenade nicht allzu heiß wird. Als wir uns ans Ufer setzen, kommt ein Franzose mit seinem Hund vorbei. Eigentlich schleift er ihn mit sich, denn der Arme hat sich mit den Pfoten verheddert und watschelt ungeschickt hinterher. Ich nenne den Franzosen der Einfachheit halber mal Claude-Philippe und den Hund Henri (aber französisch ausgesprochen – mit stummem h)
Claude-Philippe: Ah, bonjour messieurs dames!
Sagt’s, packt Henri und schmeißt ihn im hohen Bogen in den Fluss. Platsch. Henri taucht unter, rudert mit den Beinen, schwimmt ans Ufer, schüttelt sich und schaut doof. Mir steht der Mund offen, Dara lacht nervös und meine Eltern lächeln höflich.
Claude-Philippe: Jaja, da ist er gewöhnt, ein bisschen Abkühlung braucht der Wassermuffel schon – bei dem Wetter!
Meine Mutter nickt verständnisvoll. Boots hat den Ernst der Lage erkannt, dass man Hunde auch gegen ihren Willen in den Fluss schmeißen kann und versteckt sich hinter mir während sie aufgeregt bellt. Claude-Philippe winkt ab, „Mais non, dich würde ich nicht einfach so reinwerfen, petit chien“ und fängt an, uns von dem Ort zu erzählen. Er redet so schnell, dass ich nur jedes 27. Wort verstehe.
Claude-Philippe: Bla, bla, Baguette, legeume, chemin, chaussures, vêtements, fromage… Und diese Sängerin ist hier aufgewachsen. Die kennen Sie garantiert. Das Lied geht so: La, lala, laaaaa, lala! Ja? Nein? Aber si! Ja, das kennen Sie nicht? Aber doch!
Mein Vater wirft etwas auf Deutsch ein, das er natürlich nicht versteht, meine Mutter übersetzt halbwegs.
Claude-Philippe nimmt Henri, der sich auf der Wiese wälzt, wieder hoch und wirft ihn wieder ins Wasser. Während Henri aus dem Fluss klettert, bellt Boots meinen Vater warnend an „Wehe, wenn du das mit mir machst!“ – schlauer Hund.
Claude-Philippe schwärmt währenddessen von dem Museum, das dort im Dorf steht von besagter Sängerin, die übrigens auch in Hollywood war und auch Schauspielerin ist. Wir hören mit mäßigem Interesse zu, nicken und lächeln aber höflich. Mein Papa, der kaum Französisch spricht, wirft immer mal wieder deutsche Wortfetzen ein. Dann plötzlich: „Auf der Rue Charles de Gaulle ist das Museum?“ Claude-Philippe nickt begeistert: „Oh oui, ja, genau: Rue de Charles de Gaulle. Bla, bla, musée, chanson, Hollywood, l’étas unis…“
Und Papa auf Deutsch zu mir: „In jeder Stadt gibt es eine Charles de Gaulle Straße – war ja schließlich der erste Präsident von Frankreich. Das werfe ich immer mal gerne ein.“ Immer noch lobt Claude-Philippe dieses Museum von Catherine de Neuf (ich dachte, sie wäre eine Prinzessin, weil es ja im Grunde Catherine die Neute heißt. Aber falsch gedacht, sie ist tatsächlich Schauspielerin)
Und irgendwann babbelt Claude-Philippe etwas von seinem Alter – 60 Jahre ist er – und Papa redet gleichzeitig von Louis de Funès, ein bekannter französischer Schauspieler der 1960-er Jahre, aber anscheinend hat ihn Charles de Gaulle so rausgebracht, dass er immer Charles de Funès sagt – natürlich immer noch auf Deutsch. Claude-Philippe und mein Vater gestikulieren wild, verstehen sich aber anscheinend. Dann schweift Claude-Philippe schon wieder zu Catherine de Neuf ab und möchte nun unbedingt weitere Fakten raushauen.
Claude-Philippe: Also ich kann es wirklich nur sehr empfehlen. Da war ich schon oft drin. Sie ist ungefähr so alt wie ich – etwas älter. Ich frage mal den Mann am Kanuverleih, obwohl, der sieht schon so hohl aus, der weiß das bestimmt nicht. Egal, ich frage trotzdem mal. Der kennt die sowieso nicht…“ und er schwafelt weiter während er zu dem Kanuverleih stapft – Henri im Schlepptau. Er fuchtelt mit den Händen vor dem Gesicht von dem Mann herum, der sich die Kopfhörer von den Ohren gerissen hat und Claude-Philippe verwirrt anschaut. Claude-Philippe kommt zu uns zurück, macht eine wegwerfende Handbewegung und sagt: „Wusste ich’s doch, dummer garçon, keine Ahnung von Catherine de Neuf.“ Papa wirft seinen französischen Standard-Spruch ein: „Patati-patata!“ und endlich verabschiedet sich Claude-Philippe und geht. Henri wirft uns einen letzten Blick zu, dann tappt er langsam und gemütlich hinter Claude-Philippe her.

Wir schauen uns an, zucken mit den Schultern und schlagen den Weg Richtung Museum ein. Es ist schwül und ich bin trotz meines Hochsommeroutfits immer noch viel zu warm angezogen, finde ich. Der Weg führt in der prallen Sonne in gefühlter 90° Steigung den Berg hoch.
Mama: Ist mir heiß!
Ich: Mir auch!
Papa: Ich will überhaupt nicht in das Museum!
Dara: Ich auch nicht!
Ich: Mich interessiert es nicht die Bohne!
Mama: Was machen wir denn überhaupt hier?
Papa: Da hat uns der Mann aber schön beeinflusst.
Dara: Komischer Kauz.
Ich: Das war ein Hund.
Dara: Haha, nein, der Mann ist ein komischer Kauz.
Ich: Wir sollten ihm einen bescheuerten Namen geben.
Dara: Olivier-Jean!
Ich: Michel-Morgan (so hieß mal ein Mann aus einem Klettergarten in Frankreich)
Dara: Oh ja, oder aber auch Serge Franck, Sebastien-Eric –
Ich: Claude-Philippe!
Dara: Ah oui! Très bien!

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