Luzifer

Der Zahnstocher wanderte von einem Mundwinkel zum anderen. Er lächelte, ohne Tabea anzusehen. Regungslos saß sie ihm auf dem weißen Ledersofa gegenüber und starrte auf seine roten Lippen. Warum hatte er Lippenstift aufgetragen? Sie kannte das nur von ihrer Mutter, wenn sie essen gingen. Er räusperte sich und seufzte: „Schätzchen, sag schon etwas.“
Tabea grub ihre Finger in das Kissen, das auf ihrem Schoß lag. Der Mann war ihr unheimlich. Jetzt lachte er trocken, nahm den Zahnstocher aus dem Mund und rieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Schneller und schneller drehte sich das Stöckchen. Schwarze Asche rieselte auf den weißen Teppichboden. Tabea atmete tief durch. Sie dachte an ihre Mutter, die, wenn sie von der Arbeit zurückkam, gleich versuchen würde, das Häufchen wegzuputzen. Er griff an eines seiner kurzen, spitzen Hörner.
„Du hast doch keine Angst vor mir, oder, Tabea?“
Sie schüttelte entschieden den Kopf, schaute ihm aber nicht in die Augen. Sie war sich sicher, dass sie schwarz waren wie Kohlen, obwohl sie ihn noch nicht wirklich angeschaut hatte.
„Tabea, sprich mit mir!“, herrschte er sie plötzlich an. Sie zuckte zusammen. Wenn doch bloß ihre Mutter heimkommen würde. Mit dem Ärmel wischte sie ihre Nase und schniefte.
„Bitte, Kleines, du musst nicht weinen. Nimm meine Wutausbrüche nicht ernst. Bitte.“
Tabea hielt den Blick gesenkt, ihr Herz raste. Er schaute sie bittend an.
„Du gibst mir nichts weiter als deine Seele und ich gebe dir diesen kleinen, süßen Hund. Na, was sagst du, Tabea?“
Erst jetzt entdeckte sie den weißen Welpen in seinem Schoß, dem er mit seinen langen Fingernägeln durch das Fell strich. Was würden ihre Eltern zu so einem Hund sagen? Erfreut wären sie bestimmt nicht. Als könnte er ihre Gedanken lesen, sagte er: „Hör mal, deine Mama arbeitet doch den ganzen Tag und dein Papa ist nur am Wochenende Zuhause. Du bist noch so klein, sechs Jahre? Habe ich mir deine Kartei richtig angeschaut?“ Er zog aus der Brusttasche seines Sakkos eine Karte, die er kurz überflog. „Was sage ich! Schon sechseinhalb. Gegen einen kleinen Freund, der mit dir die Nachmittage verbringt, werden deine Eltern nichts haben.“
Vorsichtig streckte Tabea die Hand nach dem Welpen aus, er schnupperte an ihren Fingern. Sie kicherte leise. Gegen einen kleinen Hund würden ihre Eltern nichts haben, da hatte er recht. Vielleicht würde sie ihn auch einfach verstecken. Tabea nickte zaghaft. Er setzte den Welpen auf den Boden, stand auf und kam mit zwei Schritten auf sie zu. Erschrocken hob sie den Kopf und blickte ihm das erste Mal in die Augen. Sie waren nicht schwarz, sondern feuerrot. Er legte ihr behutsam einen Finger auf die Wange, als er darüber strich, kratzte sein Nagel so scharf darüber, dass sie glaubte, sie würde bluten. Doch sie wagte es nicht, sich zu rühren.
„Tabea, ich wäre dir so unendlich dankbar. Außerdem braucht man so eine Seele gar nicht, ohne sie geht alles viel leichter. Ich habe auch keine – und schau, mir geht es blendend. Ich habe alles, was ich will. Und das wirst du auch haben. Den Anfang macht dein neuer kleiner Freund. Deine Seele tauschst du gegen all deine Wünsche. Das ist doch ein richtig toller Pakt, den wir da schließen.“
Aus seiner Hosentasche holte er eine schmale, aber lange schwarze Zange hervor, die er, bevor Tabea überhaupt reagieren konnte, in ihr Ohr steckte. Sie schrie erschrocken auf.
„Schhhh, ganz ruhig, gleich ist es vorbei, Kleines.“
Mit einem Ruck zog er die Zange wieder heraus. Verwundert betrachtete Tabea das graue, zuckende Etwas, das daran hing. Das sollte ihre Seele sein?
Er drehte sich um, öffnete seinen Koffer und steckte ihre Seele dort hinein. „Tabea, ich danke dir!“ Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er schnurstracks zum Fenster, durch das er mühelos nach draußen glitt und verschwand.
Tabea schaute ihm lange nach. Wenn ihre Mutter gleich heimkam, würde sie den Hund entdecken. Wo steckte er überhaupt? Sie ging im Zimmer umher. Er war verschwunden. Als sie wieder zum Sofa kam, quietschte es unter ihren Füßen. Ein Hund aus Luftballonschlangen lag vor ihr auf dem Boden.
Er hatte sie hereingelegt.
Tabea betrachtete nachdenklich den Luftballonhund. Um seinen Hals war eine Geschenkschnur gebunden mit einem visitenkartengroßen Zettel. Langsam las sie, was darauf in schwungvoller Schrift stand:

Ich danke dir und freue mich, wenn wir uns wiedersehen. In Liebe,
Luzifer

Sie hörte den Schlüssel im Schloss.
„Tabea-Maus?“ Ihre Mutter betrat das Wohnzimmer und legte ihre Tasche auf den Sessel. „Ja was ist das denn da Süßes?“ Sie nahm Tabea den Luftballonhund aus der Hand. „Der ist ja niedlich.“
Tabea starrte ihre Mutter an. „Der ist von mir“, sagte sie kühl und nahm ihn wieder an sich. „Von mir ganz alleine.“
Ihre Mutter musterte Tabea befremdet. „Schon gut, Tabea-Maus, ich möchte ihn ja gar nicht behalten. Hast du Hunger? Sollen wir beim Italiener eine Pizza essen?“
Gleichgültig zuckte Tabea mit den Schultern und hielt ihren Luftballonhund fest im Arm.
„Ich mach mich nur schnell fertig und dann fahren wir los, ja?“ Auf dem Weg ins Badezimmer entdeckte sie den Aschefleck auf dem Boden. Sie drehte sich um. „Tabea! Was ist das denn da?“
Tabea betrachtete den Fleck. Wie war der da hingekommen? Sie wusste es nicht.
„War jemand in der Wohnung?“
Hatte sie Besuch gehabt? Tabea konnte sich nicht erinnern, irgendetwas war da gewesen, ein Mann mit Hörnern vielleicht?
„Ich glaube“, sagte sie, „hier war ein Mann mit Hörnern.“
Ihre Mutter lachte auf.
„Tabea-Maus, was du dir immer ausdenkst.“ Sie ging ins Bad, drehte sich noch einmal nach ihrer Tochter um, die regungslos auf dem Sofa saß. „Ein Mann mit Hörnern“, murmelte sie amüsiert. „Dieses Kind schaut einfach zu viel fern.“

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