Kidnapping

Ich weiß noch, wie Dara und ich davon überzeugt waren, dass auf unserem Dachboden jemand wohnt. Nachts knarzt und knackt das Holz in unserem Haus, doch als Kind geht die Fantasie manchmal eben durch. Früher war ich sicher, die langen Schatten, die die Möbel in die Flure warfen, würden nach mir greifen, wenn alle in ihren Zimmern waren und nur ich durch das Haus schlich. Unser Eltern bemühten sich, uns die Ängste zu nehmen. Verstecken spielen im Dunkeln, Nachtwanderungen, kleine Lichter in den Fluren.
Heute laufe ich gerne nachts durch das Haus. Ich kann auch im Halbdunkel auf meinem Bett sitzen und meine Beine baumeln lassen, ohne dass mich Ungeheuer an den Knöcheln packen und unter das Bett ziehen. Geister können mich nicht mehr aus dem Treppenhaus in den Keller ziehen oder Riesen die Glastür einschlagen und mich entführen.
Im Sommer könnte ich glatt ohne Decke schlafen – aber wie wäre ich so jemals vor Monstern, Gespenstern oder Einbrechern sicher? Die Decke ist wie ein Tarnumhang. Maximale Sicherheit hat man mit dem Kopf unter der Decke. Da wird die Luft allerdings etwas knapp. Doch die Entscheidung zwischen Kidnapping und Atemnot ist relativ leicht.
Dara und ich hatten uns mit sechs und acht Jahren Tage lang nicht nach oben getraut, weil meine Mutter einmal vergessen hatte, die Dachbodentür zu schließen. Dass der Fremde, der in unserem Dachboden hauste, nun entflohen war und sich in unserem Haus versteckte, war klar. Alle Schatten waren Kindsentführer und nur eine Wand aus Stofftieren schützte uns nachts. Die großen Lichter verbannten die Dunkelheit und die Tür unserer Eltern blieb offen für den Fall, dass man einen Sprint über den Flur einlegen musste.

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