Drei Kinder, bitte, danke

Während des Praktikums bei einer der größeren Zeitungen in der Stadt schickte der Chefredakteur uns Praktikanten zu wirklich schönen Presseterminen. M. durfte beispielsweise öfters mal auf Filmsets, ein anderer Praktikant vertrat die Zeitung häufig bei Vernissagen und ich wuselte meistens auf Veranstaltungen herum. So wurde ich im Juli zu einer Kindermode-Messe entsandt. Es war wirklich das goldigste, das ich in den letzten Monaten gesehen hatte und sofort wollte ich mindestens drei Kleinkinder zum Einkleiden haben. Auf der Messe wurden die Modetrends und -highlights der kommenden Saison vorgestellt: Söckchen für Babys im Chucks-Look, Mini-Jeans in Indigo, Senfgelb oder Dunkelgrün, schwarz-weiß gepunktete, gestreifte oder gemusterte Kleidchen, Hemdchen, Jäckchen, Mäntelchen – einfach alles in Miniaturausgabe.
Nachdem man mir der Abenddienst am Vorabend versichert hatte, ohne ausgedruckten Akkreditierungsnachweis käme ich unter gar keinen Umständen in die Messehallen hinein, stand ich dementsprechend am nächsten Morgen fluchend vor meinem Drucker, der die Druckinformationen partout  nicht empfangen wollte. Eine halbe Stunde später versuchte ich die Redaktion zu erreichen – um halb zehn Uhr morgens? Pustekuchen. Doch ich hatte nicht mit der Sekretärin gerechnet, die schon vor den Redakteuren mit der Arbeit beginnt und Pressemitteilungen sortiert. Sie schlug mir vor, mich mit dem Fotografen vor den Messehallen zu treffen, damit er mich mit reinnehmen konnte.
Nun ist es aber so: Kein Fotograf erscheint pünktlich zum Pressetermin. Grundsätzlich nicht. Schließlich sind die Fototermine meistens auf die letzten fünf bis zehn Minuten des Termins angesetzt – was soll sich der Fotograf da vorher langweilen?
Also hielt ich zwei Stunden später der Dame am Pressestand mein Handy mit der PDF-Datei des Akkreditierungsnachweises unter die Nase, sie nickte und winkte mich durch. Der Hostess, die meinen Akkreditierungsnachweis eigentlich am Eingang scannen sollte, erklärte ich, dass ich keinen brauchte, man habe mich vorne schon durchgewunken. Auch sie nickte und ließ mich passieren. Nachdem ich eine Weile in den Messehallen herumgeirrt war, fand ich schließlich den Presseraum, vielmehr den Pressesaal. Es war ein großer, heller Raum mit fünf Holztischen, einem üppigen Büfett, zwei strahlenden Hostessen, fünf Vorständen und einigen Pressevertretern aus ganz Europa. Ich betrachtete kurz mein Spiegelbild im Fensterglas – weißes Maison Scotch-Shirt mit Statement-Kette, schwarze Levi’s-Jeans, graue Giesswein-Oversize-Trachtenjacke und dazu schmutzige rote Wildleder-Chucks. Das konnte noch als casual chic durchgehen. Ich zuckte die Schultern und musterte die anderen in Schale geworfenen Pressevertreter. Sie trugen von business chic bis zum kleinen Schwarzen, auf jeden Fall alles mit hohen Absätzen, die Herren entweder bonbonfarbene Anzüge oder schicke Hemden zu Jeans. Eine Hostess drückte mir lächelnd die Pressemappe in die Hand und bat mich, mir eine Goodie-Bag zu nehmen. Ich lud meine Sachen auf einem Tisch ab und holte mir einen Obstsalat am Büfett bevor ich mir die Pressemitteilungen durchlas. Während ich meinen Obstsalat snackte, ließ ich den Blick durch den Raum schweifen. An einem Tisch gegenüber winkte eine schlanke Frau mit langen, braunen Haaren. Ich spießte eine Mango auf und schob sie mir in den Mund. Die Frau winkte immer noch in meine Richtung. Zur Sicherheit nickte ich ihr kurz zu, sie lächelte und ließ die Hand sinken. Ich drehte mich um, doch weder hinter noch neben mir schien jemand von ihr Notiz genommen zu haben. Nach dem Pressetermin fand ein Rundgang durch die Messehallen statt zu dem man uns, wie in einer Führung im Museum, Headphones aushändigte. An den Ständen erzählten uns die Designer der aktuellen Kollektionen von ihren persönlichen Highlights, ich notierte mir das Nötigste und machte ein paar Aufnahmen mit dem Handy. Plötzlich stand die Frau mit den langen, braunen Haaren neben mir und flüsterte mir „Hola“ ins Ohr. Ich zuckte leicht zusammen und trat einen Schritt zurück. Sie trug ein enges weißes Kleid mit hohen Schuhen und weißer Handtasche. Sie kam mir nicht bekannt vor. Wieder nickte ich ihr zu. „Hola se­ño­ri­ta“, begrüßte sie mich strahlend. „H- h- hola?“, krächzte ich. Und dann begann sie mir etwas auf Spanisch zu erzählen.
Ich spreche genau zwei Worte Spanisch: Hola und Tapas. Obwohl ich mir bei Tapas noch nicht mal sicher bin, ob das auf Spanisch auch so heißt oder eigentlich eingedeutscht ist.
Spätestens nachdem sie ihre vermeintliche Frage zum dritten Mal stellte, merkte sie, dass wir uns wohl nicht kannten und sie schaute etwas enttäuscht. Dann deutete sie auf die Converse-Söckchen, mit denen der Designer vor uns in der Luft herumfuchtelte, fragte „Aren’t they super cute?“ und stöckelte von dannen.

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