Zappenduster

„Ich fasse es nicht! Warum leben wir nicht autark?“, höre ich meinen Vater gedämpft aus dem Schlafzimmer. „Für so einen Fall möchte ich vorbereitet sein. Das kann doch immer passieren, wenn wir autark leben würden, wären wir unabhängig. Unabhängig.“
Genervt drehe ich mich auf die Seite und schiele auf mein Handy. Es ist vier Uhr morgens, natürlich noch stockdunkel in meinem Zimmer und mein Vater regt sich nebenan aus unerfindlichen Gründen über etwas auf.
„Hendrik -„, murmelt meine Mutter.
„Ich habe es immer schon gesagt!“
„Hendrik, jetzt leg dich einfach wieder hin.“
„Autark zu leben ist so wichtig.“
„Hendrik, es ist mitten in der Nacht.“
„Au, verdammt. Siehst du, jetzt haben wir kein Licht. Ausgerechnet jetzt haben wir kein Licht. Gut, dass ich immer eine Taschenlampe neben dem Bett habe. Aua, mein Zeh.“ Er setzt sich wohl wieder auf das Bett. „Weißt du, Jasmin, wenn wir jetzt auf dem Dach Solarzellen hätten, dann hätten wir jetzt genug Strom. In so einem Fall wäre das echt hilfreich.“
„Aber du hast doch die Taschenlampe. Außerdem, wozu brauchst du mitten in der Nacht Licht? Kannst du dich bitte wieder hinlegen?“
„Ich habe mir eben den Zeh angehauen.“
„Das wäre nicht passiert, wenn du nicht aus Rage aufgestanden wärst.“
„Und wieso bin ich in Rage?“
„Kannst du mir das nicht morgen erzählen? Du machst so einen Radau. Gleich sind alle wach.“
„Weil wir einen Stromausfall haben. Deshalb bin ich in Rage.“
„Ich frage mich, warum ich es dir überhaupt gesagt habe. Das hätte ich dir einfach morgen früh sagen können.“
„Nein, aber so etwas ist wichtig. Weißt du, was bei einem Stromausfall alles kaputt gehen kann? Der Kühlschrank, der Ofen, der Fernseher – “
„Erzähl es uns doch morgen beim Frühstück.“
„Es geht hier aber um das Prinzip. Ich rufe jetzt die Stadtwerke an.“
„Hendrik!“
„Wieso – bitte – haben wir einen Stromausfall?“
„Das ist doch vollkommen unwichtig!“
„Ist es nicht. Ich möchte wissen, warum der Strom um diese Zeit ausfällt.“
„Hätte ich es dir nicht gesagt, wäre es dir gar nicht erst aufgefallen.“
„Du hast es mir aber gesagt und jetzt bin ich wach.“
„Du saßt direkt senkrecht im Bett, Liebling.“
„Ich rufe jetzt die Stadtwerke an.“
„Das Telefon geht aber nicht.“
„Okay. Okay, aber nur weil das Telefon nicht geht, rufe ich erst morgen da an. Und das nur wegen des Stromausfalls.“, man hört förmlich, wie er nachdenkt. „Wegen eines Stromausfalls. Ein Stromausfall mitten in der Nacht. Sag mal, hab ich sie noch alle?“
Meine Mutter lacht über seine plötzliche Vernunft und kurz darauf höre ich wieder ihre gleichmäßigen Atemzüge.

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