It’s science

Ich meine, jetzt habe ich es hinter mir. C. und ich haben Anfang des Semesters noch darüber geredet, Krisen, Frustessen, einseitige Ernährung, Schokolade ohne Ende und wochenlange soziale Inkompetenz. Ich hatte neben den Krisen sogar Phasen des Frustshoppings – beziehungsweise des Onlineshoppings, denn das Haus zu verlassen (persönlicher Rekord: 5 Tage am Stück nur in der Wohnung am Pendeln zwischen Küche, Zimmer und Bad und vielleicht noch dem Zimmer von L., wenn wir uns Lernstandupdates gegeben haben) verursacht ja direkt ein richtig schlechtes Gewissen. Oder Frustschlafen. Zu viel zu lernen? Ich schlafe erstmal zwei Stunden, vier Stunden, sieben Stunden – oh, schon halb zehn Uhr abends? Da kann ja kein Mensch mehr lernen. Und ich habe jetzt auch Amazon Prime Instant Video, New Girl kann ich sowieso wieder und wieder schauen – letzte Woche habe ich bereits zum vierten Mal von vorne angefangen – also hocke ich mich vor den Laptop und lasse mich noch bis ein Uhr morgens von meiner Lieblingsserie ablenken. Obwohl, im Februar, als der Lernstress und die Krisen am stärksten waren, habe ich Gilmore Girls für mich entdeckt und bis jetzt die halbe erste Staffel durchgeschaut. Wenn ich nicht am Schreibtisch saß und mich mit Epochen, Versmaßen oder Strophenformen befasste, lag ich im Bett und war von Lorelai, Rory, Sukki und Dean echt hingerissen. Oder L. setzte sich dazu und schaute vier Stunden mit mir zusammen, aber statt Serien eher Topmodel oder den Bachelor oder Shopping Queen, irgendetwas, wo man eben abschalten und reden kann.

In der letzten Februarwoche fingen dann die Castings an. M. ist im Januar ausgezogen aus der WG und L., unser wilder Kater Hummel und ich haben die Zeit eben zu dritt verbracht und uns mit den potentiellen Mitbewohnerkandidaten auseinandergesetzt. Damit Hummel nicht der einzige Mann im Haus ist, haben wir uns für A. entschieden, der erstens mit dem nicht ausgelasteten Kater prima umgehen kann, und zweites zu L.s Freude auch noch aus Frankreich kommt und sie sich mit ihm also auf Französisch austauschen kann, und drittens, wirklich gut Deutsch spricht, dass auch ich mit ihm reden kann. Denn mein Französisch ist nur noch passiv in der hintersten Ecke meines Gehirns vorhanden.
Weit bis nach Frankreich ist es von uns aus ja nicht, bis in die nächst größere Stadt sind es gerade mal 50 Kilometer, die nächste französische Kleinstadt ist von der Haustür aus mit dem Auto in 15 Minuten zu erreichen. Und es ist wirklich schön da. Nur sind eben meine Französisch-Skills nicht mehr vorhanden. Ich frage mich auch, wie ich jemals Klausuren schreiben konnte, ich kann nicht mal mehr den Subjunktiv – und an dieser Stelle habe ich sogar vergessen wozu der gut war. Jedenfalls war M. letztes Wochenende zu Besuch und wir sind nach Frankreich gefahren. Wir wollten uns nur belegte Baguettes holen, aber ich bin kläglich gescheitert.

Ich: „Avez-vous des paninis?“
Der Verkäufer: „Kebab – Baguette – non – Kebab.“
Ich: „Ah, non, merci, au revoir.“
Der Verkäufer: „%œ=%=â&’*§&ý(“
Ich: „Non, merci.“
Ein Gast: „ç§%)/=%œ#$&)/&$âë=§$&/)ó“
Ich: „Au revoir, merci.“

Und ich habe M. etwas überstürzt hinter mir her aus dem Laden gezogen.
Am Ende hatten wir dann aber doch Baguettes und Petit Four aus einer Bäckerei mit einer sehr netten Bedienung, die doch ein bisschen Deutsch konnte. Aber sonst hätte ich ja L. oder eben Muttersprachler A. mit dabei und könnte einen der beiden im Notfall vorschicken. Ich komme mir schon etwas vor wie mein Papa, der sich in Frankreich auch eher mit Händen und Füßen verständigt und zwischendurch dann ein „Patati, patata“ einwirft.

Seit ein paar Tagen bin ich nun wieder daheim bei meiner Familie und der Bande. Ich hoffe wirklich, dass ich die Prüfungen bestanden habe, denn nach den ersten beiden Klausuren war ich mir nicht mehr so ganz sicher. Generell war es ein emotionales Auf und Ab, mit einigen Freunden schicke ich Videonachrichten bei Skype hin und her, um Tagesupdates zu geben. Zwei Tage vor der Prüfung dann etwa alle siebzehn Minuten ein Wechsel meines Gemütszustandes. Mindestens fünf Videonachrichten täglich, ungefähr alle zwei Stunden eine, und entweder erzählte ich „Yes, ich bin top vorbereitet, ich kann alles. Ich kann dir alles über Barock, Klassik oder Realismus erzählen. Die Ballade ist das Ur-Ei der Dichtung, der Alexandriner ist sechshebig und hat eine Zäsur – easy. Ich kann alle Strophen- und Gedichtformen und über Aristoteles weiß ich auch bescheid“ oder „Ich kann nichts, ich weiß nicht wie ich das schaffen soll, ich kann die Versmaße – schön, und jetzt? Das ist so viel, ich höre jetzt auf, ich mag nicht mehr, ich gehe jetzt schlafen“ und immer die Versuche meiner Freunde, mich auf einen relativ neutralen Nullpunkt zurückzubringen.
Und zwischen veganem Schokoladenpudding, gefrorenen Himbeeren, Kaffee wie durch den Tropf, gebratenen Nudeln und Zucchinipasta, meinen und L.s Krisen und einigen Stunden Schlaf, aber mindestens doppelt so vielen Stunden Serien und noch etwas mehr Paukerei, bin ich der Meinung, dass das Bestehen oder Nichtbestehen der Prüfungen letzten Endes doch einfach spannend bleibt und ich erst tiefenentspannt New Girl weiterschauen kann, wenn ich die Ergebnisse habe. It’s science.

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