Plakatliebe II

Moritz hing halb in dem Sessel im Wohnzimmer und aß Kartoffelchips. Mit seinem Fuß schob er ein altes Paar Socken hin und her. Die Chipstüte war fast leer, als ihm plötzlich ein Gedanke kam: Was wäre, wenn die Menschen nur starben, weil sie etwas Bestimmtes aßen – Kartoffelchips zum Beispiel. Vielleicht waren die Menschen unsterblich und starben an einer Art Langzeit-Lebensmittelvergiftung.
Der Gedanke widerte ihn an. Die Kartoffelchips widerten ihn an. Er warf die Tüte von sich, die übrigen Chips fielen heraus und verteilten sich über den Teppichboden, alte Kleidung und ein paar leere Schokoladenverpackungen. Sein Leben widerte ihn an. Er beschloss, auf der Stelle etwas zu ändern. Der erste Schritt war eine radikale Aufräumaktion. Moritz sprang auf, klopfte sich einige Chipskrümel vom Hemd und eilte in die Küche. Hektisch suchte er nach der Rolle mit den Müllbeuteln. Er verfluchte sich selbst und sein Leben; die Müllbeutel ließen sich einfach nicht finden. Dann mussten eben welche gekauft werden. Sofort war es aus der Wohnungstür und stürmte den Weg entlang zum nächsten Supermarkt.

Gott ist tot? Jane starrte den Aufkleber an der Wand der Bushaltestelle an. Wie konnte Gott tot sein? Er war doch Gott. So etwas Respektloses. Derjenige, der sich das ausgedacht hatte, hatte wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank.
„Nietzsche ist tot“, vernahm sie neben sich.
„Nietzsche? Was ist das denn für ein Name?“
„Alter, hattest du kein Philosophie? Nietzsche hat das gesagt, der Spinner. Aber ich sage: Nietzsche ist tot.“
Natürlich, Nietzsche der Philosoph! Davon hatte sie tatsächlich schon einmal gehört. Sie sollte mal wieder in die Kirche gehen, Gott einen Besuch abstatten. Das tat sie leider viel zu selten. 
Der Bus fuhr vor. Jane ließ die beiden Jungen vor sich einsteigen und wartete auch noch geduldig ab, bis sich eine ältere Dame am Geländer in den Bus hineingezogen hatte.
Hinter ihr hörte sie schnelle Schritte und ein Keuchen. Dann drehte sie sich zu dem jungen Mann um, der um einen Laternenpfahl herumwirbelte, und sie mit großen Augen anschaute. Seine Haare standen wild vom Kopf ab, obwohl er sie mehrmals mit den Händen zu bändigen versuchte. 
„Jane.“
In diesem Moment passierte, was Jane immer passierte, wenn sie überrascht war: Sie starrte den jungen Mann an und ihr Gehirn setzte aus, jeder Denkprozess war lahmgelegt. Potato, Potato, dingdong, Tomato. 
„Der Bus?“ Er deutete auf den Busfahrer, der die beiden fragend anschaute. Jane schüttelte irritiert den Kopf. Der Busfahrer schnalzte ungeduldig mit der Zunge und schloss die Türen. Erst das Zischen des anfahrenden Busses löste Jane aus ihrer Trance. „Oh.“ Sie senkte den Blick, dann schaute sie ihn wieder an. Grüne Augen, wirres Haar, schiefes Lächeln, blaues Karohemd. „Hey Typ“, sagte sie lächelnd. Moritz schnipste mit den Fingern. „Ich dachte schon, du erkennst mich nicht mehr. Wie geht es deinem Kopf?“
„Gut! Und was die Beule angeht –“, sie deutete auf ihre Stirn. „Was ein bisschen Concealer nicht alles verdecken kann. Also ‚ein bisschen‘ ist gut, da sind wirklich Unmengen drauf, meine Stirn ist wirklich noch gelb-grün-lila.“ 
„Hey, was machst du jetzt?“
„Jetzt gerade?“
„Nein, jetzt wie gleich.“
„Ich war gerade auf dem Heimweg von der Arbeit – mein Fahrrad hat einen Platten, also fahre ich Bus.“
„Hast du schon gegessen?“
„Nein.“ Die ganze Woche war er ihr nicht aus dem Kopf gegangen. Gleich fragt er, dachte sich Jane. Sie triumphierte innerlich.
„Hast du Hunger?“ Moritz ließ schon auf sich warten. Aber als emanzipierte, junge Frau, darf man auch mal den ersten Schritt machen. Beziehungsweise, den ersten Schritt schneller machen. 
„Und wie! Ich wollte noch was einkaufen, warum begleitest du mich nicht und wir kochen uns was?“
„Das wollte ich gerade auch vorschlagen.“
Ja, ja. „Oh prima, magst du Couscous?“

Sie schlenderten die Straße entlang, bis der nächste Bus kam, wären sie bereits dreimal im Supermarkt gewesen. Moritz hatte einen leichten Linksdrall, doch wenn er gegen Janes Schulter stieß, löste es ein warmes Gefühl in ihrem Bauch aus.  „Ich muss dich mal was fragen, Jane“, er lächelte sie von der Seite schief an. Jane schaute ihn erwartungsvoll an. „Glaubst du, Menschen sind eigentlich unsterblich, aber sie vertragen ein bestimmtes Lebensmittel nicht – Kartoffelchips zum Beispiel…“

Advertisements

Ein Kommentar zu „Plakatliebe II

Und was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s