Dörfchen

Neulich saß ich mit meinen beiden Freundinnen auf der Mauer am Park: Ich schlemmte ein Baguette, C. trank Eistee und J. hatte sich nicht zwischen Baguette, Crêpe oder Eis entscheiden können und wog ihre Möglichkeiten zur perfekten Wahl eines Snacks ab.
„Also Mädels, das Wetter ist ja jetzt endlich gut und ich habe Donnerstag sturmfrei – habt ihr Lust vorbeizukommen?“
„Au ja!“, riefen C. und ich gleichzeitig. Blieb nur die Frage, wo J. eigentlich wohnte. „Ist nicht so weit, zwei Orte weiter, mit dem Auto sind das 15 Minuten.“
Aber was hier mit dem Auto vielleicht nah ist, ist mit dem Bus eine ordentliche Strecke, weil er a) so ungefähr überall einmal vorbeifährt und sich b) anscheinend den längsten Weg überhaupt raussucht. Allerdings bin ich von der Großstadt auch was anderes gewöhnt, schließlich ist es hier gerade mal ein Sechstel so groß wie daheim und natürlich fährt dort alle 10 Minuten ein Bus oder eine Bahn und zumindest nachts am Wochenende kann man sich mindestens einmal die Stunde auf den ÖPNV verlassen. Hier? Pustekuchen. Am Wochenende fährt nach halb eins nichts mehr, unter der Woche kommt schon nach 22 Uhr vielleicht kein Bus mehr.

Da ich grundsätzlich gerne mehr Rahmeninformationen bedarf, fragte ich erstmal nach, wo ich denn genau hin müsse. Der Ort, den mir J. zuerst genannt hatte, war eigentlich der nächst größere, für Menschen wie mich, die nicht hier her kommen, eine theoretisch irrelevante Information, weil ich ja nicht weiß wo überhaupt etwas liegt. Ich dachte auch bis Februar, und da habe ich bereits ein halbes Jahr hier gewohnt, dass ich eigentlich im Norden der Stadt wohne. Das habe ich auch jedem erzählt, manche haben sich schon gewundert: „Oh, irgendwie dachte ich, die Alt-Stadt ist beim Zentrum.“ – „Nee, nee, ich wohne im Norden, auf der anderen Seite vom Fluss.“ Ja, ja, im Februar habe ich es dann herausgefunden, dass ich tatsächlich im Süden wohne. Ein Freund von meiner Mitbewohnerin L. hatte die Karte herausgezoomt und plötzlich lag Rom im Norden und Berlin im Süden der Welt. Ich kann es mir noch nicht mal erklären, warum ich denn die Karte immer um 180° gedreht habe, wenn ich was nachschauen wollte. Eine dieser Kurzschlussreaktionen über die man im Nachhinein immer noch die Hand gegen die Stirn schlägt.

„Also das ist der nächst größere Ort, ich wohne einen Ort weiter, aber der ist mini“, erklärte J. also.
„Was heißt jetzt mini?“
„Wir haben so tausend Einwohner ungefähr.“
„Bitte?!“
„Da wo ich wohne leben eintausend Menschen.“
„Oh mein Gott, und ich dachte, ich komme aus einer kleinen Stadt neben der Großstadt. Und wir haben 80.000 Einwohner.“ (Im Nachhinein auch eine Fehlinformation, die ich Ewigkeiten im Kopf hatte, es sind eigentlich nur halb so viele)
„Mein nächst größerer Ort hat auch so viele Einwohner ungefähr!“, schaltete sich C. wieder mit ein. „Google mal bitte, wie groß mein Dorf ist.“ Dörfchen.
„Sechs Quadratkilometer Fläche!?“
C. und J. mussten beide lachen, ich packte es kaum, dass sie aus so winzigen Orten kamen. Sechs Quadratkilometer, die Strecke zu meinem alten Gymnasium war ungefähr sechs Kilometer lang.

Aber ihren Reiz haben die Dörfchen schon: J. wohnt – 40 Minuten mit dem Bus von mir entfernt – in einem großen Haus mit einem hübschen kleinen Garten. Dachte ich. „Soll ich euch mal den Garten zeigen?“, fragte J., als wir dann zu Besuch waren und die Pizza aufgegessen hatten.
„Ich glaube, ich sehe alles von der Terrasse aus oder geht es noch ums Haus?“
Es ging nicht ums Haus, sondern neben der Hecke einen Abhang hinunter auf ein echt großes Grundstück mit perfekt angelegten Gemüsebeeten, Obstbäumen in einer Reihe und einer riesigen Wiese. Dahinter: Feld, Wiesen und am Horizont Wald.

Später saßen wir immer noch auf der Terrasse und tauschten Gossip aus, als plötzlich ein Tier ein Geräusch machte. „Habt ihr das gehört? Ist das ein Frosch? Habt ihr auch einen Teich?“
C. und J. blickten sich an, brachen in Gelächter aus und schauten mich an, lachten noch etwas weiter und klärten mich dann auf: „Doreen, das sind Grillen, du Stadtkind!“

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