Karlsson

Das Klirren von zerspringendem Glas ließ mich aus dem Schlaf hochfahren. Kurz darauf ein unterdrücktes Wimmern aus der Küche. Mit einem Ruck schlug ich die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Ich hielt einen Moment an der Kommode inne bis der Schwindel verschwunden war.
In der Küche saß Mattis auf dem Boden und lutschte am Daumen. Er schaute mich mit großen, traurigen Augen an.
„Ich wollte Frühstück machen“, nuschelte er und deutete auf die Theke wo eine Tüte Milch und das Müsli standen. Vor die Theke war Mattis‘ Kinderstuhl geschoben, auf dem Boden lag eine zerbrochene Glasschale. Er streckte die Arme nach mir aus, behutsam nahm ich ihn hoch. Als Mattis seinen Kopf gegen meine Schulter drückte, begann er wieder leise zu weinen.
„Wir brauchen heute Morgen sowieso nur zwei Schüsseln, Philip ist schon im Krankenhaus arbeiten.“ Ich schaukelte ihn sanft hin und her, bis er nicht mehr von Schluchzern geschüttelt wurde. „Schau mal, Steppke, magst du dir deine Hausschuhe anziehen gehen während ich die Scherben aufkehre? Dann machen wir gleich zusammen das Frühstück fertig, in Ordnung?“ Mattis nickte und ich ließ ihn runter. Langsam tappte er in den Flur. Mit dem Besen kehrte ich die Scherben auf einen Haufen. Als Mattis zurück in die Küche kam, schob ich ihm den Kinderstuhl zurück an den Esstisch.
„Setz dich kurz noch da hin, du kannst dir das Radio anmachen. Der rote Knopf, weißt du noch?“ Einen Augenblick später wippte Mattis im Takt zu einem Lied aus den Achtzigern. Ich stellte zwei Schüsseln auf die Theke und fragte ihn, ob er die Milch einschenken wollte. Er quietschte begeistert und drückte seinen Stuhl von der Tischplatte weg. Ich hielt ihm die Milchtüte hin und hob ihn hoch, damit er die Theke erreichen konnte.
Angewidert rümpfte Mattis die Nase. „Ihh, das stinkt!“, rief er. Dann nahm auch ich den säuerlichen Geruch der Milch wahr. „Okay, Steppke, hast du großen Hunger?“ Mattis hielt sich die Hand auf den Bauch und nickte.
„Bärenhunger, Mama.“
„Weißt du was, dann holen wir uns jetzt frische Croissants und essen dazu Marmelade und Honig. Was hälst du davon?“ Aufgeregt klatschte er in die Hände und nickte heftig. „Gut, dann ziehen wir uns schnell an und gehen zum Bäcker.“

Das Thermometer zeigte bereits angenehme 15 Grad für Anfang April, trotzdem setzte ich Mattis eine Mütze auf. „Magst du das Stück laufen oder brauchen wir doch den Buggy?“
Mattis atmete tief ein und stellte sich aufrechter hin. „Ich schaffe das so, ich bin doch schon drei.“
Bevor ich die Tür hinter mir zuzog, vergewisserte ich mich, dass alle Fenster geschlossen waren. Dann nahm ich Mattis an die Hand und wir gingen zum Gartentor. Nebenan mähte unser Nachbar den Rasen, grüßte uns aber freundlich. „Wir müssen nachher an die Post denken, Mattis.“ Ich deutete auf das rote Fähnchen am Briefkasten.

Die Schlange vorm Bäcker war lang. Wir stellten uns noch vor der Tür an, Mattis summte das Lied aus dem Radio. Ein junger Mann stellte sich hinter uns an, ich lächelte ihm zu.
„Entschuldigen Sie“, er räusperte sich. „Sind Sie nicht Maja Bernstein?“
Grüne Augen, Dreitagebart, braunes Haar, eine graue Strähne über der Schläfe. Die graue Strähne erinnerte mich an einen der Besucher im Krankenhaus. Ich nickte. „Ja, das ist richtig. Und Sie sind?“
„Karlsson. Jonas Karlsson. Meine Frau lag auf Ihrer Station.“
Finja Karlsson, Knochenkrebs, Endstadium. „Mein herzliches Beileid, Herr Karlsson. Es tut mir so unendlich leid. Wie geht es Ihnen? Kommen Sie damit klar?“
Er schluckte, räusperte sich. „Ich -“ Seine Stimme brach ab, Tränen traten in seine Augen.
„Der Nächste bitte!“, rief die Verkäuferin aus dem Laden, ich hielt ihm die Tür auf und bestellte die Croissants. Ich gab Mattis die Tüte in die Hand und wir traten ins Freie. Als Jonas Karlsson zurück zu uns kam, hatte er sich wieder gefasst.
„Es ist so ungewohnt wach zu werden und alleine im Bett zu liegen. Meine Tochter, sie ist so alt wie Ihr Sohn.“ Er nickte in Mattis‘ Richtung, der auf den Steinplatten herumhüpfte. „Sie fragt immer, ob sie nicht doch wieder heim kommt. Es bricht mir das Herz, ich kann es nicht ertragen. Sie fehlt mir so.“ Seine Stimme brach wieder ab, er drückte Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand auf die Augen. „Bitte entschuldigen Sie mich“, er atmete tief ein und schaute mich wieder klar an. „Meine Schwiegermutter ist daheim und passt auf die Kleine auf, sie warten auf Frühstück.“ Bevor ich mich verabschieden konnte, hatte er sich bereits umgedreht und verschwand gerade um die Ecke.
Das hübsche, blasse Gesicht von Finja Karlsson blitze vor meinem inneren Auge auf. Es war Philip, der ihren Angehörigen die Nachricht überbracht hatte. Ich erinnerte mich, wie ich aus dem Nebenzimmer die Vorwürfe, die Verzweiflung von Jonas Karlssons Toben hörte, während ich einen Patienten bettete. Später traf ich Philip im Ärztezimmer, ich küsste ihn auf die Wange. „Er hat eine Tochter, so alt wie Mattis. Ein Wunschkind, beim letzten Versuch hat es geklappt. Dann ein halbes Jahr später die Diagnose“, hatte Philip mit belegter Stimme geflüstert. „Uns geht es so gut, ich bin jeden Tag dankbar dafür.“

Auf halber Strecke zog Mattis an meiner Hand. „Mama“, flüsterte er. „Der Mann da!“ Bevor er sich umdrehen und mit dem Finger auf Passanten zeigen konnte, nahm ich ihn hoch und hielt seine Hände fest. „Mattis, man zeigt nicht auf fremde Leute, das ist unhöflich.“ Er senkte den Blick und nickte. Als wir am Gartentor ankamen, erinnerte er mich an die Briefe. Ich ließ ihn den Briefkasten öffnen und die Post herausnehmen. Mattis drückte die Briefe und die Tüte mit den Croissants fest an die Brust als ich die Tür aufschloss. Gerade als die Tür ins Schloss fiel, klingelte es. „Ich will aufmachen!“, rief Mattis. Ich hatte ihn noch auf dem Arm und ging zurück zur Tür. Ich nahm ihm die Briefe und die Croissants ab, damit er öffnen konnte. Überrascht schaute ich in Jonas Karlsson schmerzverzerrtes Gesicht. Etwas schlug in meine Brust, ich taumelte nach hinten, ließ die Briefe fallen, Mattis schrie schrill auf.
„Er soll wissen, wie es sich anfühlt“, sagte er gepresst während bunte Flecken auf ihm tanzten. Ich presste Mattis fest an mich, er schrie noch lauter. Dann ging ich zu Boden und die Welt wurde schwarz.